Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1878-04-10 · Heft 15 (10.4.1878) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 15 (10.4.1878)
Date
1878-04-10
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447747-2447763--14818-2470742
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

380 werte, begab sie sich hinaus in die Küche, um Vorbereitungen zum Nachtessen zu treffen. Ungefähr eine Viertelstunde später kam der alte Grün nach Hause. Er traf das Kind noch schlafend auf dem Sopha, leise trat er näher und betrachtete es mit innigem liebevollen Blick, legte dann segnend seine Hände auf ihr Haupt und neigte sich, um ohne sie zu wecken, einen Kuß auf ihre Stirn zu hauchen. „Wo ist denn Hugo?" wandte er sich an Susanne, die mit einer Flasche Wein in's Zimmer trat. Das alte treue Mädchen starrte ihn an, als habe er in einer fremden Sprache z-r ihr gesprochen, „Hugo" stammelte sie, „Hugo". — „Um Gotteswillen!" rief Grün von schlimmer. Ahnung erfaßt, „was ist geschehen? — reden Sie doch — um des Himels willen — was ist dem Kind geschehen?" „Das mag Gott wissen", murmelte Susanne, indem sie den Wein auf den Tisch stellte und die Arme kraftlos herabsinken ließ. „Aber wo ist er dennflüsterte Grün, den Blick angstvoll durch's Zimmer gleiten lassend. „Ist ihm etwas geschehen, daß Sie ihn in's Bett gebracht haben, Susanne?" DaS Mädchen schüttelte verneinend den Kopf, indem ihre Zähne aneinander schlugen. „Ich sag's Ihnen ja, Herr Grün, ich weiß nicht, was mit dem Kind geschehen ist; ich habe gemeint, er wäre mit Ihnen in die Synagoge gegangen." „Was! Hugo ist nicht da?!" „Ich habe schon das ganze HauS durchsucht, ich kann ihn nirgends finden." „Allmächtiger Gott im Himmel!" schrie Grün, die Hände zusammenschtagend und voll Entsetzen zurücktaumelnd. „Herr Grün, um Gotteswillen, fassen Sie sich"; und die treue Alte schob rasch einen Sessel herbei, daß ihr Herr nicht sinke. „Ich bitte Sie um Gotteswillen, Herr Grün, machen Sie nur erst Hawdoloh; hernach wollen wir das Kind schon suchen." Mühsam erhob sich der Greis, mit zitternder Hand goß er den Wein in den silbernen Decher, während Susanne die geflochtene Kerze anzündete, dann flüsterten seine bleichen Lippen den Segenssprnch. Als die Kerze erloschen war. erwachte die kleine Selma. „Hast Du schon Hawdoloh gemacht. Großpapa?" fragte sie und rieb sich noch schlaftrunken die Augen. Grün nickte bejahend. „Und Hugo hat die Kerze gehalten? aber Du hast es mir ja versprochen." „Hugo hat die Kerze nicht gehalten", erwiederte der Großvater mit bebender, heiserer Stimme, „Hugo ist nicht da — wir wissen nicht, wo er ist — weißt Du es nicht, Selma?" „Was?" schrie die Kleine zum Fenster springend, „er ist noch nicht wieder heraufgekommen?" Und auf die sich fast überstürzenden Fragen des Alten berichtete sie nun in ihrer kindlichen Weise, wie ein Kameel mit einem Affen auf der Straße gewesen, wie der Affe getrommelt habe und Hugo hinunter gelaufen sei und versprochen habe, gleich wieder heraufzukommen, wie sie aber darüber eingeschlafen. Das Antlitz des alten Mannes war noch bleicher geworden; er lehnte sich an die Wand, während er den Oberrock bis hinauf zuknöpfte. „Um Gott, Herr Grün, was wollen Sie thun?" „Das Kind suchen — gebe der Himmel, daß ich's finde." „A'ier Sie werden doch nicht allein gehen, Herr Grün, bei Nacht — ich bitte Sie um GotteSwillen, lasten Sie mich mit Ihnen gehen." „Was fällt Ihnen ein, Susanne, Sie müssen bei Selma bleiben." „Aber die Netti ist ja da, sie könnte — " „Nicht doch Susanne, Sie selbst müssen bei dem Kinde bleiben, Sie dürfen eS keine Minute außer Augen lassen, Sie wissen —" „Seien Sie ohne Sorgen, Herr Grün, und kommen Sie nur bald zurück mit dem lieben Kinde." „Gute Nacht, liebe Selma! Susanne wird Dich jetzt zu Bette bringen und Du wirst artig eiaschlafen." „Ja, Großpapa, ja!" erwiederte die Kleine und schlang die Arme um den Hals des Alten, „aber Du kommst doch bald wieder und bringst Hugo mit?" „Mit Gottes Hilfe, ja, mein Herzenskind." „Und sage nur Hugo gleich, daß er nicht wieder auf die Straße läuft, ich habe es ihm schon verboten, aber er hat es doch gethan. Und gib Hugo auch den Gute-Nacht-Kuß von mir." Und abermals bot sie dem Greife ihr rosiges Mündchen zum Kusse. Er neigte sich zu ihr, berührte sie mit seinen Lippen, dann eilte er fort in die Nacht hinaus. Von Haus zu Haus, die ganze Straße entlang, überall fragte er, überall forschte er nach dem Kinde. — Niemand konnte ihm Auskunft geben. — Da entsann er sich, daß gerade, als er in die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.