Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1878)
- Date
- 1878-04-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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876 ferner die Würdigung der fixen Idee, welche die •crftc Hälfte der Abhandlung ausmacht, daß nämlich ein Unterschied über die Auffassung der Zulässigkeit von Proselyten in der biblischen Literatur einerseits und der talmudischen andrerseits stattfinde, wir überlassen diese und viele andere Extravaganzen der Berurtheilung jedes Kundigen, dem dieses Schriftcken je in die Hände fallen sollte. Eine kleine Probe mag genügen, um einen Schluß auf das Ganze zu ermöglichen. „Es handelt sich darum, die Hallen des Judenthums erleuchteten Bekennern des reinen Gottesglaubens weit zu öffnen, und es muß sich zeigen, ob der durch äußere Umstände nicht gehemmte Fortschritt im gegenwärtigen Judenthum sich zu der Höhe des Deuteronomiums zu erheben weiß, welches (10. 16.) lediglich die Vorhaut des Herzens zu beschneiden ermahnt, und bon der wirklichen Beschneidung nirgends eine Erwähnung thut, die Geisteshöhe eines Jeremias (9, 25) und Ezechiel (44. 7. 9) zu begreifen vermag, welche der Vorhaut am Fleische nur tadelnd gedenken, wenn sie von der Vorhaut des Herzens begleitet ist rc. ic." Das hat in seiner Jüdischen Zeitschrift, schon vor 8 Jahren einer der vornehmsten Taufpathen des Reformjudenthums gesagt und Herr Dr. Felsenthal übernimmt die Verantwortlichkeit für diese verba magistri, indem er sie abdruckt. Man braucht eigentlich nur die Stellen, aus denen hier Capital geschlagen werden soll, zu citiren, um die Rabulistik zu belächeln, mit welchen da Reform gemacht wird. Also, da es im Deuteronomium heißt: rtfiy n« Drftoi. Beschneidet, oder vielleicht präciser (von entgegentreten), tretet der Ungefügigkeit Eures Herzens entgegen, so wird die Bedeutungslosigkeit der eigentlichen Milah daraus gefolgert, weil sie nicht ebenfalls dabei erwähnt wird. Wird wie in den betr. Stellen bei Jeremias und Ezechiel “ibo nbny neben 3b ntny erwähnt, so wird daraus wiederum die Bedeutungslosigkeit der Milah gefolgert, weil sie nur dann tadelnd erwähnt wird, wenn sie von der Vorhaut des Herzens begleitet wird. — Wie in aller Welt, sollen es denn unsere Urkunden anfangen, um dieser Sophistik aus dem Wege zu gehen! Das Deuteronomium vor allen hat unsäglich unter dem kritischen Weisheitszahn des Reformjudenthums zu leiden! Wiederholt es in seiner Eigenschaft als min natpo eine frühere gesetzliche Bestimmung, so trifft es der Vorwurf der Tautologie, schweigt es, so wird daraus die Bedeutungslosigkeit des nicht erwähnten Gesetzes gefolgert! Moses und die Propheten erfahren übrigens vollständig dieselbe Behandlungsweise. Aus den citirten Worten Jeremia's, ^21 O'vnp onn t>2 '2 3b 'bnp folgert Geiger die Werthlosigkeit der Milah, der gesunde Menschenverstand folgert das Gegentheil. D'j/ttnn na warn» nbnyn ton hdind O'bip D’ijt 22 '2 \vjip (Nedarim 31). Und wenn diese Rabulistik auch keine Rabulistik, wenn das Creditiv der Geisteshöhe eines Jeremias und Ezechiel wirklich erst durch Gering» schätzung der Milah begründet wäre, so müßte man Jesaias jedenfalls' dieses Prädicat der Geisteshöhe ebenso absprechen, denn dieser stellt den Unbeschnittenen und Unreinen so zweifellos in eine Kategorie, daß es keiner bibelkritifchen Anwandlung gelingen dürfte, das Factum zu vertuschen. wie dieser Prophet das Ideal der jüdischen Zukunft darin erblickt, daß es eben keinen vaüi mp in Jerusalem und Zion mehr geben werde. (Jes. 52,1.) Doch das Alles erscheint mir eine harmlose Spielerei, wenn man die lästernden gesetzeshöhnenden Ausfälle dagegen vergleicht, welche diese Abhandlung gegen das älteste jüdische Bundeszeichen macht! — Das abrahamitische Bundeszeichen (S. 30) wird zu einer dem Bewußtsein unsrer Zeitgenossen „indecenten" Sache gestempelt, von der man nur noch in engerem Kreise sprechen darf, im Schulunterricht und in anständiger Gesellschaft dürfe man sich aber nicht mehr erlauben, von Beschneidung zu reden. Wahrlich, eine solche cynische Verhöhnung des äußeren Symbols unseres Bündnisses mit Gott dürfte vielleicht selbst in den Annalen des Reform- Judenthums vereinzelt dastehen! Die Philadelphier Rabbiner-Conferenz hat nicht die nöthige Dreistigkeit gehabt, über einen diesbezüglich vorliegenden Antrag abzustimmen. Die Augsburger Synode, verflossenen Andenkens, beklagt sogar tief einzelne Fälle von Renitenz, setzt die hochwichtige Bedeutung der Circumcision als unbezweifelt im Judenthum voraus, und-rbr^-r "upbk 'X 2in2 sie citirt den zu 2"' als Gewährsmann für die Bedeutsamkeit der Milah (S. 259 der Protocolle). Die Zeitung der Rabbiner von Stettin und Magdeburg erklärt in einer ihrer jüngsten Nummern einen Theil des Actes der Milah als frech und ruchlos, aber doch nur einen Theil. Aber was will das Alles heißen gegen den Geifer, mit dem der Rabbiner von Chicago diese älteste, ehrwürdige Institution des Judenthums zu besudeln wagt! Man mißverstehe uns nicht! Wir wollen die Freiheit, zu denken und zu sprechen, Niemandem verkümmern! Wenn Jemand das, was dem Judenthum heilig ist, für profan und indecent erachtet,