Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1878)
- Date
- 1878-04-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Flügel an den Serail, nach Art eines venetianischen Patrizierhauses, anbauen lassen. Der Sultan begab sich in daS' Gemach seiner Mutter. „Ich habe mit Dir Heimliches und GewichtigeS zu reden sprach diese, „verabschiede Dein Gefolge, damit kein Horcher uns belausche." Der Sultan winkte mit der Hand; die Diener gingen. Als die Tritte derselben auf den weichen Teppichen verhallt waren, schritt die Valide an die Thüre, schloß diese ab, zog den Schlüssel aus dem Schlosse und warf ihn zu dem offenstehenden Fenster hinaus in den Garten, der den Serail begrenzte, mitten unter dichtes Gebüsch.. „Meine Mutter," rief der Sultan, „was machst Du da?" „..Ich rette Dein Leben, mein Sohn!"" „Mein Leben?" „„Dein Leben, das Du durch Deine Thorheit auf das Aeußerste gefährdet hast. Du willst eine Jüdin auf den Thron erheben. willst einen Juden zum Großwesir ernennen, und warst so unvorsichtig, diese Pläne und noch andere, noch thörichtere. laut zu besprechen! Du bist belauscht worden. Man erzählt von Deinen Plänen auf allen Gassen. Die Bürger von Stambul, die Beamten, das Volk, die Janitscharen, die Sipahi's, die Galiondschi's sind in der größten Aufregung; sie werden den Palast erstürmen. Hierher werden sie nicht dringen. So rette ich Dein Leben; und um Dich vor Dir selber zu schützen, damit den Wüthenden Du nicht entgegentretest, habe ich die Thüre verschlossen und den Schlüssel hinausgeworfen."" Der Sultan stand einige Augenblicke wie erstarrt. „Mutter," rief er dann, „wenn ich Dich recht verstehe, so trachtet man Esther nach dem Leben." Die Valide nickte bejahend. „Oesfne die Thüre, Mutter!" „„Ich kann nicht, selbst wenn ich wollte."" „Hat dieses Gemach keinen andern Ausgang?" „„Keinen."" Der Sultan zog sein Schwert und suchte gewaltsam das Schloß zu öffnen. Es widerstand seinen Anstrengungen. Aus der Ferne hörte man wüstes Geschrei und das dumpfe Knallen von Schüssen. „Hörst Du'S." sprach die Valide, „sie dringen in den Palast; auch Dich würden sie tödten. Dich, meinen einzigen Sohn, mein einziges Kind, meinen Stolz, meine Hoffnung, wenn Du ihnen jetzt gegenübertratest!" „„Ha, ich würde sie zu Boden werfen, die Sclaven. O, meine Esther, Licht meiner Augen, Wonne meines Herzens, edelstes Mädchen, kostbarster Diamant meiner Krone! Die Elenden wollen Dich tödten, und ich kann nicht bei Dir sein, Dich zu schützen! Mutter, Mutter, was hast Du ge-- than!"" Zornfunkelnden Auges, mit gezücktem Schwerte trat er der Valide gegenüber. „Tödte mich, mein Sohn," rief diese, „tödte die Mutter, die Dich geboren, die Dich unter ihrem Herzen getragen! Durchbohre dieses Herz, das einzig nur für Dich schlägt! Tauche den kalten Stahl in das heiße Herzblut Deiner Mutter! Ich will ja gerne sterben, wenn ich Dich gerettet weiß!" Der Sultan ließ das gezückte Schwert sinken. „Hättest Du mich lieber sterben lassen, Mutter," rief er. „Wie werde ich leben können ohne meine Esther?" « Da durchdrang ein herzzerreißender, markerschütternder Schrei, der Ton einer weiblichen Stiemme, die Entfernung. Wie wahnsinnig rüttelte der Sultan an der Thüre, ohne sie zerbrechen zu können. Er stieß sein Schwert mit aller Gewalt gegen das Schloß; das Schwert zersplitterte, das Schloß blieb unversehrt. Dann lief er an's Fenster; die Fenner waren mit Eisenstäben vergittert. Mohamed warf sich in ohnmächtiger Wuth zur Erde nieder und weinte laut. Unterdeß wurden die lärmenden und tobenden Stimmen draußen immer lauter; aber das Waffengeklirr und der Schall der Schüsse ließ allmählich nach. Immer stiller und stiller wurde es, bis endlich die altgewohnte Ruhe wieder über dem Palaste lagerte. Auch Mohamed war still geworden. Seine Mutter beugte sich zu dem auf dem Boden Liegenden hinab. Er aber stieß sie heftig fort. (Fortsetzung folgt.) Hierzn zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).