Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1878)
- Date
- 1878-04-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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373 Feuilleton. Lsther Khiera. Eine historische Erzählung. XV. Esther und Hanna saßen in einem der im Harem für sie eingerichteten Gemächer, als der Sultan eintrat. „Meine Taube," redete Mohamed die Geliebte an, „ich habe eine große Ueberraschung für Dich." „„Du bist so gut gegen mich, hoher Herr,"" sagte Esther, „„Du überschüttest mich mit der Fülle Deiner Gnade."" Des Sultans Stirn verstnsterte sich. „Esther," sagte er, „Du thust mir wehe, wenn Du mich stets nur als Deinen Herrn betrachtest. Hast Du keine freundlichere Anrede für mich? Siehe, ich thue Alles, was Du wünschest. Ich habe Deinen Vater und Deinen Oheim kommen lassen; sie erwarten Dich im Audienzsaale." „„Mein Vater,"" rief Esther, „„mein Oheim! O, komme Hanna, laß uns zu ihnen eilen."" Sie sprang auf und eilte davon; der Sultan und Hanna folgten ihr. Schon kannte Esther die Wege in dem weitläufigen Palaste; bald hatte sie den AudienzsaaL erreicht und lag laut weinend am Halse ihres Vaters. Auch Don Rodrigo und Signor Salomon waren zugegen. Wenige Secunden nachher traten der Sultan und Hanna ein. „„Der Padischa!"" flüsterte Esther ihrem Vater zu. Dieser machte sich los von den Armen seiner Tochter und warf sich mit dem Antlitze zu Boden. Don Rodrigo und Signor Salomon thaten wie er. „Stehet auf," befahl der Sultan. Die Männer erhoben sich. „Du also bist der Vater meiner Esther?" fragte der Sultan. „Du darfst stolz sein auf eine solche Tochter." Der Chacham küßte den Saum des Gewandes des Großherrn. „Und Du bist ihr Oheim?" fragte dieser weiter. „Ihr Oheim und Lehrer? Du kannst stolz sein auf eine solche Schülerin. Ich habe Großes mit Dir vor. Ich werde Dir mein Sigel überreichen lassen und Dich zu meinem Großwesir ernennen. Da sollst Du all' die erhabenen Gedanken zur Ausführung bringen, die mir durch Deine Schülerin sind kund geworden." „„Erhabener Herr!"" sprach Don Rodrigo, das Gewand des Sultans küssend, „„ich bin Dein Sclave und bereit, mich Deinem Dienste zu weihen. Allein nur allmählich und bedächtig darf das Gute und Wahre in's Leben gerufen werden, damit es durch Ueberstürzung nicht Schaden nehme."" „Sehr weise gesprochen. Ich sehe, Du bist ebenso klug wie weise; Du wirst schon Alles zum guten Ende führen. Du bist noch fremd in den Geschäften; Salomo hier ist ein bewährter Staatsmann; ihn ernenne ich zum Wesir und zu Deinem Staatssecretär. Er mag Dich einführen in 'Dein Amt und Dich mit Allem vertraut machen." Rabbi Salomo verneigte sich. „„Ich danke Dir, gro.ßmächtiger Herr,"" sagte er, „„ich werde mich bemühen, Dein Vertrauen zu rechtfertigen."" Ein Diener trat Herrin und warf sich dem Sultan zu Füßen. „Großmächtigster Herr!" sagte er, „die Valide, meine hohe Herrin, läßt Deine Majestät flehentlichst bitten, ihr sogleich das Glück Deines Besuches zu gewähren. Die erhabene Kaiserin hat Deiner Majestät eine wichtige, unaufschiebbare Mittheilung zu machen" Voll Unwillen vernahm der Sultan die Worte. ^„Jch weiß, was meine Mutter will," sagteer, nachdem der Diener sich entfernt hatte,_ „sie will mich warnen. Nicht soll ich Dich, Esther, als Jüdin auf den Thron erheben, nicht soll ich Deinen Ohm zu meinem Großwesir machen; auf alle die Pläne soll ich verzichten, die ich durch Dich, Esther, gefaßt habe. Leben soll ich wie mein Vater gelebt hat und soll von meiner Mutter das Reich beherrschen lassen. Ich aber, ich bleibe fest bei dem Beschlossenen. Es wird einen unangenehmen Auftritt geben; denn es ist immerhin meine Mutter, die meinen Plänen entgegentritt. Lebe wohl, Esther, lebet wohl, Ihr biedern Männer. Bald sehe ich Dich wieder, Esther, und morgbn, morgen, o Tag des Glücks, wird unsre Vermählung stattfinden." Der Sultan begab sich mit seinem Gefolge, das im Vorzimmer gewartet hatte, zu den Gemächern seiner Mutter. Diese waren nach venetianischem Style eingerichtet; Sultan Murad hatte für die geliebte Gattin auf deren Wunsch einen i