Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1878)
- Date
- 1878-04-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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371 in gewissen Dingen, besonders wenn es sich um Errichtung eines so wichtigen CultuSmittels handelt, die Sparsamkeit nicht in Knickerei übergehen, besonders da man andererseits viele fast überflüssigen Auslaaen mit aller Coulance bestreitet. Nicht weniger wichtig, wenn nicht noch wichtiger für jede bedeutende Gemeinde ist die Sorge für die Forderung des jüdischen Wissens, das ist des gesammten jüdischen Schriftthumes, des Tora- und des Talmudstudiums, wie der verwandten Disciplinen. Dieser Aufgabe wird gegenwärtig hier nicht im Geringsten Rechnung getragen. Seit dem Ableben des lltzten Rolch Jeschiba, Rabbi Jehnda Teweles, d. i. seit bereits 10 Jahren ist der Lehrstuhl für höhern Talmudunterricht unbesetzt verblieben. Hier läßt sich die Entschuldigung oder der Vorwand, daß die Besttzung dieses Lehrstuhles mit großen Kosten verbunden sei, nicht Vorbringen. Der selige Rabbi Juda Teweles bezog von der Gemeinde für seine zweimal wöchentlich abgehaltenen zweistündigen Schiurvorträge eine Renumeration von 300 fl., für das Spottgeld hatte Prag eine Jeschiba, die mit jeder ungarischen Jeschiba, was die Tüchtigkeit des Lehres, die Gediegenheit der Vorträge betrifft, keck konkurriren konnte. Dabei muß bemerkt werden, daß das Beispiel Wiens, wo von allen Parteien das Talmudstudium gefördert wird, wo sowohl Dr. Jelinek als Rabbiner Spitzer ihr Beth Hamidrajch eingerichtet haben, wo Vorträge in jeder Richtung abgehalten werden, hier spurlos vorüber gegangen ist. Und doch hat Prag eine reiche jüdische Gemeindebibliothek, Vermächtnisse der vielverdienten Männer als des sel. Oberrabiners Rappoport, des Dr. W. Wessely, M. I. Landau, des berühmten Wohlthäters Sal. Jerusalem, des Gelehrten Rabbi Baruch Jeiteles. Diese Bibliothek ist aufgestellt, auch hat dieselbe in Herr Dr. Grün einen gelehrten Custos, doch wird dieselbe nur wenig benützt. Liegt nicht der Gedanke nahe, diese Lesezimmer in Lehrzimmer zu verwandeln, hier Vorträge über Talmud, Midrasch, Mikra, über jüdische Philosophie, abhalten zu lassen? Wenn die Gemeinde-Repräsentanz für den höhern Talmudunterricht wirklich etwas Erspießliches thun will, so würde sie auch schon mit Leichtigkeit die geeigneten Kräfte für diese Lehrgegenstände finden und braucht hiezu, gar nicht weit zu suchen, da sich solche noch hier finden, strebsame Männer, die durch Fleiß und Aufmunterung in der wissenschaftlichen Welt einst Bedeutung erlangen können. Spanien. Lissabon, 19. Januar. Die hiesige jüdische Gemeinde besteht aus ca. 50 Familien (360—400 Personen), die fast alle Handel treiben, von denen sich jedoch nur 3—4 Häuser eines gewissen Renommees erfreuen. Die Mitglieder der Gemeinde, die seit 50—60 Jahren existirt, stammen fast alle aus Afrika (Fez und Marocco) — in den jüdischen Familien wird viel arabisch gesprochen — und sind größtentheils noch heute englische Staatsbürger resp. stehen unter englischem Schutze. Es gibt hier 3 Synagogen, vielmehr Betsäle, die in belebten Straßen liegen (die Häuser sind nicht Eigenthum der Gemeinde, sondern nur für diesen Zweck gemiethet), jedoch nur in einem wird Montag und Donnerstag gebetet, während in den andern Gottesdienst nur Freitag Abend und rat? stattfindet. An jeder Synagoge ist ein Chacham angestellt, der alle religiösen Functionen versieht; ein eigentlicher Rabbiner existirt nicht. Von Wohlrhätigkeitsanstalten ist bei den beschränkten Mitteln, über welche die Gemeinde verfügt, nicht viel die Rede; sie haben einen einzigen Verein, d^bu iviv, der ein Capital von 2 Contos de Reis — ca. 9000 Mark besitzt und von afrikanischen durchreisenden Glaubensgenossen stark in Anspruch genommen wird. jedoch weder ein Hospital noch ein Waisenhaus. DaS einzige wirkliche Eigenthum der Gemeinde ist der Friedhof, den sie gekauft und wie ich höre, mit ca. 5000 Mark bezahlt haben. Die Kinder besuchen die portugiesischen Schulen und werden von den Chachannm privatim im Hebräischen vorbereitet. Im Allgemeinen erfreuen sich die Juden großer Toleranz und leben undehellrgt von der Bevölkerung; so sind z. B. die afrikanischen Juden die einzigen Menschen, die man täglich in Kaftan und rothem Fez über die Straße gehen sieht und es wird keinem kleinen Portugiesen beifallen, dem Manne „judeo“ nachzurufen, was man heutzutage wohl noch in unserem lieben deutschen Vaterlande erleben kann. Die portugiesischen Staatsbürger jüdischer Confession brauchen nicht Soldaten zu werden, genießen allerdings auf der anderen Seite keine Rechte und sind nicht befähigt, irgend ein Amt zu bekleiden. Würden sich die Juden hier aufraffen und der christlichen Bevölkerung beweisen, daß es auch Juden gibt, die im Stande sind , einen anderen Beruf als den Handel zu ergreifen, so würden, meiner Ansicht nach, bei der aufgeklärten Gesinnung der Portugiesen die hemmenden Schranken fallen. Unter gegenwärtigen Umständen ist wenig Aussicht dazu,' was um so mehr zu bedauern ist, wenn man berücksichtigt, auf welcher Cultur-