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Der Israelit · 1878-04-03 · Heft 14 (3.4.1878) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 14 (3.4.1878)
Date
1878-04-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XIX. Jahrgang. Erste ßeilagc zu Ar. 14 des Israelit. Leitender Artikel. 'Uroselyten. Eines der charakteristischsten Steckenpferde deS sogenannten Reformjudenthums ist die Proselyten- Angelegenheit, d. h. die Frage, wie, unter welchen Bedingungen und welchen Formalitäten Nichtjuden zu Namenjuden oder Reformjuden werden können. In allen Rab'nnerversammlungen und Synoden, in allen Zeitschriften der Neölogie steht dieser Gegenstand ständig auf der Tagesordnung, und bereits exiftirt eine ganze dieses Thema in allen Variationen behandelnde Literatur. Wer vom Heformjudenthum Nichts weiter kennt als die Sorgfalt, wie es seine Heileswahrheiten Andersgläubigen am leichtesten zugänglich machen könne, sollte glauben, es wäre innerhalb der heiligen Reformkreise Alles so vortrefflich geordnet , es wäre der Weinberg des Herrn so gut bestellt, daß den Gärtnern Nichts zu thun übrig bliebe, als eben Proselyten zu machen. — Wer aber die trostlose Zerfahrenheit kennt, an welcher das Reformjudenthum laborirt, wer die fortwährenden Klagen der Reformhirten hört über die dumpfe Gleichgiltigkeit und zunehmende Religionslosigkeit in der eigenen Heerde, der darf sich billig wundern, warum man in die Ferne schweift. wo das Schlechte so nahe liegt, warum man vor fremden Thüren kehrt und darüber die eigene vergißt: kurz warum das Streben, Proselyten zu machen, nicht im heimischen Kreise Ausdruck findet, wo es ^och so sehr Noth thut. Das ganze Reformjudenthum ist jedoch ein so wunderliches mixtum compositum, daß man ganz vergißt, sich über solche Kleinigkeiten zu wundern; und auch wir nehmen nur davon Notiz, weil dieses Steckenpferd seine Reiter so trefflich charakterisirt. Innerhalb des JudenthumS und seiner Bekenner hat das Reformjudenthum für die Dauer keinen Halt und Boden. Wenn es Eroberungen machen will, ist es auf die nichtjüdischen Kreise angewiesenmit denen es liebäugelt. Das „Christeln" des Reformjudenthums ist daher kein bloßer Nachahmungs -, es ist auch Selbsterhaltungstrieb, wenigstens zum großen Theil. — Dazu kommt noch, daß das überlieferte Judenthum aller Proselytenmacherei im gewöhnlichen Sinn des Wortes principiell feind ist, Grund genug für das Reformjudenthum, sich dafür zu begeistern; daß ferner das Misstonswesen eine ganz besondere Eigenthümlichkeit des ChristenthumS ist, und daß eS daher zum guten Ton gehört, es nachzuahmen. — Zu diesen ideellen Momenten kommt noch außerdem ein eminent reales, praktisches; die Gebühren nämlich, die für die Beförderung in das moderne Judenthum seinen Aposteln zu entrichten sind. Denn, da sich im Talmud und Schulchan Aruch keine bestimmte Taxe für Profelytengebühren findet, also vermuthlich gar keine erhoben wurde, so ist ein Reformrabbiner comme il faut schon aus Princip verpflichtet, sich das Spenden seiner Heileswahrheiten bezahlen, und zwar gut bezahlen zu lassen. Daß man es, von diesem einen Punkte abgesehen, den Convertiren nicht allzuschwer macht, ergibt sich aus dem Gesagten von selbst. Die Frage ist nur, wie leicht man es dem Aufzunehmenden machen dürfe, machen müsse, um ihn in den Schootz des Reformjudenthums zu ködern. — Eine Ansicht überbietet hier die andere; alle sind von dem Bestreben geleitet, alles Mögliche aufzubieten, um dem Convertiten den Uebertritt zu erleichtern, aber nur wenige sind offen und ehrlich genug, ihre Tendenzen so freimüthig zu bekennen und so ungeschickt zu vertheidigen, als eine über dieses Thema uns vorliegende Abhandlung von einem Herrn vr. Felsenthal in Chicago.*) Dieselbe behandelt die Proselytenangelegenheit nicht von der theoretischen Seite, sondern knüpft an einen concreten thatsächlich vorliegenden Fall an. Ein Rabbiner Spitz in Milwaukee richtete nämlich an Herrn vr. Felsenthal folgende Anfrage, deren Beantwortung die vorliegende Abhandlung ausmacht. „Vor einigen Monaten." so lautet die Aufrage des Herrn Rabbiner Spitz, „erschien vor mir ein junger Mann, ein Sohn christlicher Eltern, der aber selber die christliche Religion in allen ihren Dogmen und Formen entschieden verwirft, und der mir erklärte, daß er von ganzem Herzen die Grundlehren des JudenthumS als Wahrheiten anerkenne! Er erzählte mir, er stehe im Begriffe, ein hiesiges, mir wohlbekanntes jüdisches Mädchen zu ehelichen und wünsche, daß ich durch meinen Einfluß ihm die Realistrung dieses Vorhabens erleichtern möchte. Schon feit längerer Zeit ein fast täglicher Gast *) Der vollständige Titel lautet: „Zur Proselytenfrage im Judenthum" von Dr. B. Felsenthal. Chicago 1878.

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