Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1878)
- Date
- 1878-04-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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346 OSmanische Staat krankt und zugleich die Mittel angegeben, durch die er zu heilen wäre. Utopische Mittel, für die das Zeitalter, für welche die Völker nicht reif sind! Jahrhunderte sich entwickelnder Cultur und fortschreitender Civilisation müßten dahin gehen, ehe eine solche Umwandlung nur als möglich gedacht werden könnte. Verzeiht, Don Rodrigo, Ihr seid ein Schwärmer und habt von Eurer Schwärmerei Eurer Nichte mitgetheilt. Ach, alle diese Pläne sind schön und gut und edel und herrlich und bewunderungswerth, solange sie in der Theorie entwickelt werden; ich aber bin ein practischer Staatsmann und kenne die thatfächlichen Verhältnisse."" „Ihr macht mich ungeduldig, Signor Salomo", sprach Don Rüben finster, „nennt mir Euren Auftrag." „Nun wohl, der Sultan ernennt Euch zu seinem Großwesir. Ihr sollt sofort nach Stambul kommen und das Sigel des Padischa in Empfang nehmen."" „Ich, ich, Großwesir?!" „„Ihr sollt das Reich Osmans umwandeln; dieses auf das Schwert gegründete Reich, zusammengewürfelt aus siebenzig Nationalitäten, soll aufhören ein eroberndes Reich zu sein. Janitscharen, Siphai's, Galiondschi's sollen aufgelöst werden; dafür sollt Ihr reguläre Truppen herbeischaffen, die dem strengsten Gebote der Disciplin gehorchen; eine centralisirte Verwaltung sollt Ihr einrichten, gebaut auf dem festen Grunde der Menschenliebe, der Tugend, der Gerechtigkeit. Die Rajah's sollen den Moslemim gleichgestellt werden. Ich wünsche Euch Glück, Don Rodrigo, zu dieser erhabenen, wundervollen Aufgabe; aber holt Euch Engel vom Himmel, die Ihr als Beamte verwendet, und verschafft Euch den Stab des weisen Königs Salomo, damit die Geisterwelt in Euren Diensten die neuen Gesetze und Einrichtungen durchführe." " „Und was rathet Ihr mir, Signor Salomo, was soll ich ttmn?" „ „Ich rathe Euch, daß Ihr und Euer Bruder sofort von hier entfliehet und Euch verberget im entlegensten Winkel der Erde; ich kehre dann nach Slambul zurück und melde dem Sultan, daß ich Euch nicht mehr in Salonichi gefunden, daß Ihr ausgezogen seid, um die verlorene Tochter zu suchen, daß man mir gesagt habe, Ihr seid nach Alexandria gezogen, weil Ihr vermuthet, daß Seeräuber Esther geraubt und dorthin verkauft hätten. Ihr könntet daS auch den Bewohnern von Salonichi erzählen. Ihr aber müßtet nach Italien ziehen oder nach Frankreich oder nach Deutschland, nach irgend einem verborgenen Ort, wo Ihr dann Euer Leben in Sicherheit beschließen könntet."" „Wie", rief der Chacham, „wir sollen an die eigene Sicherheit denken, während unser geliebtes Kind die schrecklichsten Gefahren umlauern?" „„Als unser großer Lehrer Moscheh nach Mizrajim zog mit Frau und Kindern, da kam ihm sein Bruder Ahron entgegen und sprach: Moscheh, Du willst Frau und Kinder in den eisernen Schmelztiegel führen? Ueber die Unfrigen, die dort sind, sind Vir bekümmert, und Du willst neue Sklaven dem Pharao bringen? — Und Moscheh erkannte die Weisheit der Worte des Bruders, und er schickte Zippora und die Kinder uach Midian zurück."" „Nein, nein", rief der Chacham, „waS liegt an mir, an meinem Leben? Ich gehe nach Stambul zu meiner Tochter; ich will'sie noch einmal sehen, ehe ich sterbe." „Und ich gehe mit Dir", sprach Don Rodrigo. „Ich nehme des Sultans Auftrag an; ich will meine Theorien zur Wahrheit machen, wenn auch nicht auf einmal, urplötzlich, sondern allmählich, mit Klugheit und Bedachtsamkeit; ich werde die schreiendsten Mißbräuche abstellen und gute Institutionen begründen. Und sollte ich darob mein Leben hingeben müssen — nun, mein Leben steht jeden Augenblick in Gottes Hand; ich bin bereit, zu folgen, wenn es Seiner hohen Weisheit gefällt, mich abzuberufen von hinnen." „„Nun wohl, ich kann Euch nicht hindern, das zu thun, was Ihr für Recht haltet. Ich habe Euch gewarnt. Ihr werdet Euren Tod und den Esthers beschleunigen."" „Wie Gott es will", sagte der Chacham, „Sein heiliger Wille geschehe; 'ich kann nicht anders; ich gehe zu meinem Kinde; dorthin ruft mich meine Vaterpflicht." .. „So beeilet Euch; der Wagen steht zur Abfahrt bereit."" (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilage«. Verantwortliche Redaetion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben'S Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).