Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1878)
- Date
- 1878-04-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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346 Feuilleton. Jßtjei Khiera. Eine historische Erzählung. XIV. Wie unsäglich der Chacham Rabbi Amram Mordechai und sein Bruder Don Rodrigo nach' dem Verschwinden Esthers und Hanna*s gelitten, kann nicht geschildert werden. Als die beiden Mädchen an jenem verhängnißvollem Abende nicht nach Hause kamen, hatte der Chacham die ganze jüdische Gemeinde alarmirt. Die Theilnahme war eine ungemein große; man suchte und forschte, ohne eine Spur zu finden. Man nahm allgemein an, daß Seeräuber ans Land gekommen und die beiden Mädchen geraubt hätten. An Sinan Pascha dachte Niemand. Der bedeutendste Sclavenmarkt war damals Alexandria in Aegypten; man schickte einen eigenen Boten dorthin, um die israelitische Gemeinde daselbst zu bitten, daß man die beiden Mädchen auslöse, wenn sie dort ausgeboten werden sollten. Auch an Rabbi Salomon Aschkenasi hatte man einen Boten nach Constantinopel ge» schickt, um ihn zu benachrichtigen und ihn zu bitten, seine Aufmerksamkeit dem Sclavenmarkte in der Hauptstadt zuzuwenden. Die beiden Greise erwarteten mit heißer Sehnsucht die Rückkehr des zweiten Boten, als Rabbi Salomon selbst zu ihnen in das Zimmer trat. Laut weinend umarmten die beiden alten Männer den Eintretenden. Ihre Erregung war so groß, daß sie kein Wort zu sprechen vermochten. „Esther lebt und ist gesund", sprach endlich Rabbi Salomon in dumpfem Tone. „Gelobt sei Gott, der Allgütige!" rief der Chacham. „Aber Ihr sagt das so traurig und düster", sprach Don Rodrigo, „o sagt, welch großes Unheil ist ihr widerfahren?" „„Sinan Pascha hat sie geraubt und in den Serail abgeliefert. Der Sultan liebt sie. Esther soll Sultanin Chaseki werden." „Wehe, wehe", rief der Chacham, „wäre sie doch gestorben, ehe sie abtrünnig geworden!" „„Eure heldenmüthige Tochter ist nicht abtrünnig geworden und wird nicht abtrünnig werden. Aber trotzdem ist sie Euch und mir verloren." " I Er konnte nicht weiter reden; der namenlose Schmerz, der seine Brust zerwühlte, hinderte ihn am Sprechen. Auch die beiden alten Männer schwiegen; erwartungsvoll hingen ihre Blicke an dem Munde Rabbi SalomonS. , Dieser faßte sich endlich und fuhr zu reden fort. „„Esther war entschlossen zu sterben; ich wurde in den Serail berufen, um sie zu überreden, damit sie dem Sultan gehorche; es bedurfte meiner ganzen UeberredungSkraft, sie dahin zu bringen, daß sie den Gedanken an einen Opfrrtod aufgab." " „Gutes, frommes, theures Kind!" rief Don Rodrigo, sich die Thränen trocknend. „„Was ich selbst dabei gelitten, ich kann'S Euch nicht schildern. Ich, mit der heißen Liebe in meinem Herzen, mußte die Geliebte anflehen, daß sie das Weib eines Andern werde! Aber ich war nicht im Stande, sie zu überreden, daß sie der Nothwendigkeit gehorche. Sie beharrte bei dem Entschlüsse, eher zu sterben, als ihrem Glauben zu entsagen."" „O mein geliebtes Kind",- sprach der Chacham. „wie liebe ich Dich um so inniger, da Du so heldenmüthig Dich als meine Tochter, als die Enkelin meines für Gott gestorbenen BaterS bewährt hast!" „„Der Sultan hat auf ihre Fürbitte das VerbannungSdecret zurückgenommen; er hat ihre Dienerin, die schon als Sclavin verkauft war, wieder befreien und ihr zuführen lassen, hat angeordnet, daß die Speisen in jüdischer Weise für Esther gekocht werden und will sie nunmehr, trotzdem sie Jüdin bleibt, als Sultanin Chaseki auf den Thron erheben."" „Ha." rief Don Rodriga, „jetzt begreife ich Euren Schmerz." „„Ihr irrt. Don Rüben, wenn Ihr meint, daß meine Trauer nur meinem Verluste gilt. Doch hört weiter, was ich Euch zu melden habe; denn ich bin nicht gekommen, um dies Alles Euch mitzutheilen. Das hätte ich dem Boten überlassen und wäre nicht ohne zwingenden Grund von dem Orte weggegangen, wo Esther weilt. Ich habe einen Auftrag vom Padischa an Euch, Don Rodrigo, auszurichten."" „An mich?" fragte der Angeredete. „„An Euch. Esther hat vor dem Sultan all die erhabene Weisheit avsgebreitet, die sie Eurem Unterrichte verdankt; sie hat mit der Kühnheit eines Kindes, das mit dem Feuer spielt ohne eine Ahnung von der Gefährlichkeit dieses Elements zu haben, all die Schäden aufgedeckt, au welchen der