Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1878)
- Date
- 1878-03-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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„Wir müssen klug verfahren", antwortete der Kaimakam, „Mohammed darf nicht erfahre», von wem der Aufstand ist organisirt worden." „Und warum", rief Schämst- Pascha, „wollt Ihr dieses thörichten Knaben schonen? Ihr bringt Euch Alle um Eure Köpfe! Der Padischa wird eines Tages erfahren, was Ihr ihm gethan, und er wird blutige Rache nehmen!" „Du sprichst thöricht, Schämst;" entgegnete Mufti, „wenn noch Einer lebte aus Osman's Stamme außer Mohammed, so müßte der Sultan des Todes sterben, den er durch solche Pläne zehnfach verdient hat; allein er ist der Einzige. Ja, wenn er schon einen Sohn hätte! So aber bedürfen wir seiner. So lange ein Nachkomme Osmans lebt, wird das Reich zusammengehalten. Sowie der Stamm Osmans erloschen, erklären sich die Statthalter der Provinzen für selbstständig; das Reich zerfällt in zahllose kleine Reiche, die sich einander bekriegen und vernichten. Dann wird die Herrschaft des Islam gebrochen, die Bekenner des Propheten werden aus Europa verdrängt und all die Nationen der Giauren, die Franken, die Anglesen, die Hispanier, die Polen, die Moskowiter , die Austrier werden sich in das Erbe des Jslam's theilen. Nein, der Letzte der Osmanen darf mcht sterben!" „Und sollte es", fragte Schamsi-Pascha, „nicht noch mehr des Thrones Würdige geben? Auch ich bin aus königlichem Stamme; Kisil Achmed, der Stammvater des Padischa, hat meine Ahnen verdrängt; mir gehört rechtmäßiger Weise das Khalifat." „Hoho", rief Baki, der Kadi-Asker, „Du willst Padischa werden, Schämst? Nimmermehr!" „Nimmermehr", bestätigte Ibrahim, der Kaimackam. „Da sei Gott vor", rief der Wesir Dscherrah, „daß wir das Blut des einzigen Osmanli vergießen." „Ihr bringt Euch Alle um Eure Köpfe!" schrie Schamsi-Pascha. „Lieber will ich sterben", sprach der Mufti, „ehe ich es dulde, daß dem Sultan ein Leid geschehe." „Freunde", nahm Ferhad das Wort, „streitet nicht miteinander. Höret meinen Plan. Wir lassen durch unsre Diener im Volke verbreiten, welche Gefahren dem Staate durch diese Jüdin drohen. Dann werden die Sipahi's, die leicht erregbaren, in den Palast stürmen. Die Wachen, die ebenfalls Kunde von allem Dem erhalten, werden sie einlassen. Die Sipahi's dringen in den Harem und tödten die Jüdin. Wer hat sie angestiftet? Niemand. Wer hats gethan? Es ist nicht zu erforschen. Wen soll da des Sultans Rache treffen?" „Thoren, die Ihr seid", rief Schämst, .vergeht Ihr denn Eure eigene Eifersucht, Euren Neid, Euren Haß? Jetzt seid Ihr einig, da Euch Allen von.der Jüdin Gefahr droht; ist sie aber erst beseitigt, da fürchtet Ferhad seinen Freund Sinan; er läßt einen Wink fallen, daß Sinan, der Liebling der Sipahi, diese gegen die Favoritin aufgestachelt , und der Sultan läßt Sinan den Kopf vor die Füße legen." „Beim Barte des Propheten", rief Sinan, „mögen die Janitscharen den Streich vollführen! Die Sipahi würden mich in Verdacht bringen." „Nein, nein", schrie der Janitscharen - Aga Aali, „dann wäre mein Leben gefährdet. Lasset lieber die Bürger in den Palast dringen!" „Nicht doch", sprach der Kaimackam, „da würde mich der Vorwurf treffen, und ich allein hcktte für alle zu büßen. Mögen die Softa's*) es unternehmen; ihnen geziemt es auch vor Allen, für die gefährdete Religion in die Schranken zu treten." ,O nicht doch", sagte der Mufti, „dann dürfte ich die seidene Schuur erwarten." „So tödtet", rief Schämst, „mit der Jüdin ihren Anbeter und rufet mich zum Sultan aus!" „Nein", nahm der Mufti das Wort, „aber wir wollen schwören, wir Alle, daß wir Einer den Andern nicht verrathen." „Wir schwören es", riefen Alle. „So bleibe es denn", entschied der Mufti, „bei des Groß-Wesir Ferhad ursprünglichem Plane; den Sipahi's werde es anheimgegeben, das Vaterland von der drohenden Gefahr zu befreien, und — wer zum Verräther werden sollte, dessen Hand möge verfaulen, dessen Leib soll Aussatz bedecken, dessen Kinder werden als Bettler ihr Brod vor den Thüren suchen, und Allah wird ihn verderben für immer und ewig." „So sei es!" riefen Alle. (Fortsetzung folgt.) *) Geistliche. Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der,Le Roux'schen Hofbuchhandlüng. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).