Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1878)
- Date
- 1878-03-20
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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301 diejenigen» welche zu Hause zu bleiben den Muth gehabt haben, keinen Belästigungen ausgesetzt sein werden. Die Zahl der in ConstantiNopel bis zum 8ten Februar 1878 angekommenen israel. Flüchtlingen beträgt 438 Familien mit 2302 Personen. Erster Brief des Herrn Veneziani. Constantinopel, 11. Januar. Als ich Mittwoch das gegenwärtige Schreiben» das ich unterbrechen mußte, an Sie richtete, erhielt ich von einem Secretär der englischen Gesandtschaft Besuch, der beauftragt war, mir eine von dem Delegirten der Lady Burdett-Coutts, H. Bartlett, an H. Layard gerichtete Depesche mitzu- Iheilen, wonach sich in Tator-Bazardjik auf der Eisenbahn 12<0 Israeliten befänden, welche aus Mangel an Rollmaterial nicht fliehen können; das Telegramm bat den englischen Gesandten, sich bei den Behörden um bedeckte Waggons zu bemühen. Ich verlor keine Minute Zeit und begab mich sofort nach der Eisenbahn-Direktion, wo ich erfuhr, daß 7000 Flüchtlinge in Tatar-Bazardjik seien, worunter mehrere israelitische Familien, daß zu Aamboli dieselbe Situation eingetreten, daß ferner die Stationsvorsteher dieser beiden Endpunkte der Direction angezeigt haben, daß sie nicht im Stande seien, den Andrang auf den Bahnhöfen zu bewältigen, daß sobald ein Zug formirt sei, er sosort mit Sturm von der Menge besetzt werde, daß selbst türkische Frauen auf dem Dache der Wagen sich placiren; genug, man signalisirte mir eine äußerste Panik und vollständige Verwirrung. Auf meine Bitte It'legraphirte der Direktor nach Adriauvpel, ob eö möglich wäre, einen Extrazug für die Israeliten von Tatar-Bazardjik abzulassen; meinerseits richtete ich eine Depesche an H. v. Toledo, daß er Jemanden nach diesem Orte schicke. DaS Resultat dieser telegraphischen Correspondenz ist mir noch unbekannt. Jedenfalls begann die Emigration schon an demselben Abend. Glücklicherweise hatte ich bereits seit mehreren Tagen meine Dispositionen getroffen und brauchte bei dieser unerwarteten Ankunft von Flüchtlingen nicht in Verlegenheit zu gerathen. Meine Leute nahmen sie am Bahnhofe in Empfang, brachten sie einstweilen in den nächstgelegenen Wirthshäusern unter, und am anderen Tage quartierte man sie in den zu Balata und Haskeui eigens gemietheten Häusern ein. Am ersten Tage (Mittwoch) kamen 40 Flüchtlinge zu uns, gestern hatten wir ihrer nur 25. — Da ich hörte, daß die Einwohler von Sofia und Nisch sich nach Salonichi wenden, so telegraphirte ich dorthin an H. Allatini, um Näheres zu erfahren. P. S. Sorben erhalte ich folgende Depesche aus Salonichi: .Einige zuerst angekommene Familien erhielten Unterstützung; man erwartet noch viele Flüchtlinge, die wegen Unterbrechung der Eisenbahnfahrten noch nicht angekommen sind. Allatini." Zweiter Brief des Herrn Veneziani. Die Emigration übertrifft alle meine Voraussicht; bis jetzt gelangten die Flüchtlinge zu unS nur auf der rumelischen Eisenbahn, heute kommen sie auch über das schwarze Meer und über Marmara; wir sind förmlich überfluthet. ES gibt keinen Ausdruck für das Schreckliche der Situation; Sie werden hiervon durch die folgenden Details, die ich in Eile schreibe, nur eine schwache Vorstellung gewinnen. Am Freitag, den 11. Januar, als ich nach dem Bahnhof ging, theilte man mir mit, daß in der Nacht 3 Züge mit Flüchtlingen und folgenden Tages 9 andere ankommen sollen. Ich hatte keine Minute zu verlieren, ich installirte sofort 3 Vertrauenspersvnen in Permanenz auf dem Bahnhöfe mit dem Aufträge, die Israeliten bei ihrer Ankunft zu empfangen und nach einer nahegelegenen Herberge zu bringen, wo dieselben warten sollten, bis es möglich fein würde, ihnen Quartier anzuweisen. Am folgenden Morgen begab ich mich in Begleitung meines Sohnes, meines Bruders und meines ganzen Hilfspersonalnach der Eisenbahn; es war ein entsetzliches Wetter; ein zerfließender, eisigkalter penetranter Schnee fiel schon feit Langem; es war ein trübes, feuchtes und kaltes Wetter, wie es der Winter oft nach Constantinopel bringt. Augenblicklich requirirte ich von den ambulanten Händlern, soviel ich konnte, Brot und warmen Salep und verrheilte davon unter die armen israelitischen und türkischen Flüchtlinge; die Kinder wurden zuerst bedacht, dann kamen die Frauen, dann die Männer, und Alle schienen durch diese geringe Nahrung wieder aufzuleben. Dies geschah zwischen 8 und 9 Uhr Morgens; um 10 Uhr signalisicte man einen Zug. Alles geht ihm entge en, sehr weit, da der Zug nicht in den- Bahnhof einfährt. Es ist ein herzzerreißender Anblick. den wir hier haben. Denken Sie sich einen Zug von 26 Viehwaggons, sämmtlich unbedeckt und vollgestopft von Wesen, die kaum mehr ein menschliches Aussehen haben und in einem unbeschreiblichen Durcheinander auf ihren Packeten kauern. Die Reisenden steigen, nachdem der Zug angehalten, langsam und mühsam aus; gelähmt vor Kälte, können sie sich fast nicht mehr bewegen. Der Zug ist, von Philippopel kommend, seit 48 Stunden unterwegs. Donnerstag Morgens von dort abgereist und Abends nach Adrianopel gelangt, haben sie die ganze Nacht auf einer Weiche-