Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1878)
- Date
- 1878-03-20
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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300 Rabbi wie betäubt auf dem Bette lag. Es dauerte lange, bis er zum Sprechen gebracht werden konnte. Er erzählte dann, daß der angebliche Rabbi einBetrüger sei, der bereits lutherischer Missionär war, seit einiger Zeit jedoch das lucrative Geschäft eines wandernden Uunder-Rabbi betreibt; daß er (der FamuluS) auS Roth sich von dem Schwindler werben ließ unter der Bedingung, mit ihm den Erwerb reichlich zu rheilen, daß der Schurke allabendlich die Hälfte von der täglichen Einnahme gestohlen habe, weßhalb es auch jede Nacht zwischen Beiden zu heftigen Auftritten gekommen sei. Eine solche Scene habe auch gestern Abends anläßlich der Theilung der beträchtlichen Tageseinnahme stattgefunden. Der Betrüger versetzte seinem Diener bei dieser Gelegenheit einen so heftigen Hieb auf das Hinterhaupt, daß dieser ohnmächtig niederfiel. Diesen Moment benützte der erstere, um die Flucht zu ergreifen. Der Famulus bat dann Ne „barmherzigen" Juden, mit ihm und seiner Frau und seinen zehn Kindern Mitleid zu haben, und die geprellten Juden beschlossen , um jeden Scandal zu vermeiden, den FamüluS ung-schoren laufen zu lassen. (Süd-Ungarn.) Der Oberrabbiner von Stadt und Bezirk Baja, Herr Nascher ist im Alter von 65 Jahren und im 40. Jahre seiner rabbinischen Wirksamkeit gestorben. In nächster Zeit wären es 25 Jahre gewesen, daß er dahier als Rabbiner fungirt hat, und man beabsichtigte, die Jubelfeier festlich zu begehen. In erhebendster Feierlichkeit unter persönlicher Theilnahme der höchsten Behörden und Geistlichkeit aller Confessionen wurde dessen Leiche bestattet. Der Verstorbene. der im wahren Sinne des Wortes ein pns jw gewesen, war der Schwiegersohn des unsterblichen Verfassers des ’jy nmo und VDnrn nbvbv. N. Frankreich. PariS. Monatsbericht (Februar) der „All. JSr. Univ." (Die Israeliten ^der Türkei.) Aus brieflichen Mittheilungen geht hervor, daß die Zahl der nach Conftantinopel gekommenen Flüchtinge alle gehegten Befürchtungen weit übertroffen bat; am I.Febr. kamen noch weitere Massen an auS Burgas, von der Küste deS. schwarzen Meeres, deS Marmara-Meeres rc. Die HH. Beneziani und v. Toledo benutzten einen der für den Staatsdienst reservirten Züge, mit dem sie sich nach Adrianopel begaben, um weitere Fürsorge sowohl für die dortigen Flüchtlinge, als für diejenigen von Philippopel, Tatar-Bazardjik und anderen Ortschaften der Umgegend zu treffen. Man ist ohne direkte Nachrichten über die Israeliten von Sofia; nur Mittheil'.'ngen, welche via. Salonichi eingegangen sind, melden, daß dieselben vollkommen ruhig sind. — Ansteckende Krantheiten (Typhus, Pocken rc.) machen unter den Flüchtlingen von Conftantinopel große Fortschritte; aber bis jetzt ist noch kein Israelit von denselben befallen worden. — Äus Smyrna meldet ein Brief, daß dort 10,000 Flüchtlinge, fast lauter Christen und Türken, angekommen sind, und daß ein israelitisches Hilfs» comitv gebildet worden ist, das bereits 20,000 Piaster zur Unterstützung der GlaubenSgenosien gesammelt hat. Man wird die nachstehenden Mittheilungen über die Lage der Israeliten der Türkei mit Interesse lesen: Erster Brief des Herrn Fernandez. Conftantinopel, 16. Januar. Die Ereignisse überstürzen sich und scheinen eine baldige Lösung erhalten zu sollen. Die Flüchtlinge auS Philippovel und Adrianopel kommen in großer Zahl und in dem elendesten Zustande, um in der Hauptstadt Schutz zu suchen; in diesem Augenblicke gehen zwischen Adrianopel und Conftantinopel zwei Eisenbahnzüge voll beladen mit diesen Unglücklichen. Bis jetzt sind die meisten hier angelangten Israeliten von Verwandten und Freunden ausgenommen worden oder haben wohl selbst die Mittel, sich Quartier und Kost zu verschaffen; aber Angesichts der aller Orten herrschenden Panck, ist vorauszusehen, daß wir hier eine Anstopfung von israelltischen Flüchtlingen haben werden. Es giebt deren auch eine große Zahl in den beiden erwähnten Zügen, und H. Beneziani hat soeben eine Depesche erhalten, die ihm die Ankunft von 150 Familien meldet. Alle Maßregeln sind ergriffen, unsere Glaubensgenossen aufzunehmen; es sind Personen der Alliance Tag und Nacht am Bahnhofe, u.:: die Ankömmlinge zu empfangen, und wir haben zu diesem Zwecke eine große Anzahl Häuser gemiethet. — Die deutsche Gemeinde von Galata kam uns ebenfalls freundlichst zu Hilfe, indem sie uns aus freien Stücken für 40 Familien Quartiere anbot. Zweiter Brief deS Herrn Fernandez. Conftantinopel, 22. Januar. Wir kennen nicht das Schicksal unserer Flüchtlinge von Sofia. Risch, Silistria, Sckimla und anderen Ortschafften; der Telegraph und die Post functioniren nicht mehr. Die Rossen haben Philippopel und Adrianopel besetzt; ich glaube, daß