Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1878)
- Date
- 1878-03-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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293 Mainz, 13. März. Wir haben heute an das Centralconittß der Alliance Israelite Universelle zum Besten der nvthleidenden Glaubensgenossen in der Türkei 10(0 M. gesandt. Die Summe der für diese« Zweck von uns gesammelten und übersandten Gelder betragt nunmehr 4000 M. Türkei. Lonr Palanfa. Der „W. Jsr." erfährt von hier, daß die Bulgaren in dieser Stadt vorige Woche zwei Israeliten schrecklich verstümmelt haben. Dem Dro» wurden beide Augen ausgestochen und dem Synagogendiener eine halbe Hand abgehauen! Feuilleton. Licht und Schatten. Erzählung von Friedrich Rott. XXVIIl. Mehrere Wochen waren verstrichen. Es war in der That kein Lieben, was die beiden Gatten führten; sie hatten seit jenem Tage kein Wort mit einander gewechselt, hatten einander kaum gesehen. Früh am Morgen, nachdem er eine halbe Stunde bei seinen Kindern verbracht, verließ Carl das Haus und erst spät am Abend kanr er heim. Mittag- und Abendbrot» nahm er bei seiner Schwester ein. Er litt unsäglich, denn seine Frau sann Tag und Nacht, wie sie den Mann, den sie einst so abgöttisch geliebt, nur am empfindlichsten verletzen könnte. Emma pflegte nie früh aufzustehen, doch am Sabbat, längst, bevor Carl in die Synagoge ging, saß sie am Clavier und spielte. Sie führte den Haushalt jetzt offen auf unjüdische Weise und damit er nicht darüber in Zweifel bleibe, wußte sie Rechnungen über Schinken. Austern u. dgl. ihm so oft als möglich unter die Augen zu bringen. Und als er eines Morgens in's Kinderzimmer trat, kam er gerade dazu, als für seine Kinder Bouillon mit Milch vermischt wurde. Er gerieth außer sich, schleuderte das Frühstück auf die Erde und befahl der Wärterin, unverzüglich die Kinder umzukleiden, dann nahm er jedes an eine Hand und verließ mit ihnen das Haus; nimmer sollten sie zu.ihrer verworfenen Mutter zurückkehren. Die Kleinen jauchzten und schlugen vor Freude in die Hände, daß sie so früh am Morgen un'» ganz allein mit dem Vater fortfahren sollten, denn er hatte sie in eine Droschke gehoben, sich zu ihnen gesetzt und dem Kutscher befohlen, zum Hause seines Vaters zu fahren. „Mama wird uns suchen", rief die kleine Selma und lachte kindlich vor sich hin. „Ach nein" , sagte Hugo, „Mama sucht uns nicht, Mama hat uns nicht mehr lieb, Mama küßt uns nicht mehr und spricht nicht mehr mit uns und gestern hat mich Mama geschlagen." „Geschlagen hat Dich Mama? bist denn bös gewesen?" „Ach nein", rief der Kleine eifrig, „ich bin gar nicht bös gewesen. Aber Mama hat wollen, daß wir spazieren fahren und da habe ich gesagt, das dürfen wir nicht, weil Sabbat war. Aber die Leni hat mich doch in den Wagen gehoben und da habe ich so laut geschrien, bis sie'mich wieder 'rausgehoben hat und darüber hat mich Mama geschlagen." Es war in der That seltsam, Emma, die ihre Kinder früher vergöttert hatte, hatte sie seit dem Zerwürfniß mit ihrem Gatten vollständig vernachlässigt. Sie kümmerte sich nur in so fern um sie, um dafür zu sorgen, daß mit ihnen geschehe, was ihren Gatten verletzen konnte. Die Herzen der Kleinen hatte sie sich daher längst entfremdet, und sie jubelten, als sie vernahmen, daß sie fortan beim Großpapa und bei ihrer Tante Rosa bleiben sollten, denn Carl hatte sie zu seiner Schwester gebracht, die mit Freuden für sie zu sorgen versprach. Es war am Abend desselben Tages; Carl hatte sich vorgenommen sein Haus, so lange Emma darin weilen würde, nicht mehr zu betreten. Doch spät am Abend erinnerte er sich, daß ihm einiges, was er in seinem Zimmer aufbewahrte, gleich am Morgen unerläßlich; er entschloß sich daher, für diese eine Nacht noch in seine Wohnung zurückzukehren. Cs war schon spät, Mitternacht war nahe, die Dienstboten hatten sich wohl längst zur Ruhe begeben, doch er bedurfte ihrer nicht, er trug seinen Hausschlüssel stets bei sich. Während er das HauSthor aufschloß, blickte er unwillkürlich hinauf zu seiner Wohnung und bemerkte in Emma's Boudoir Licht. Sollte sie so spät noch wach sein? — Sie hatte ihn am heutigen Abend nicht mehr erwartet, das wußte er, denn er hatte seine und seiner Kinder Effekten schon im Laufe des Tages aus seinem Hause holen lassen. Ein unbestimmter Verdacht erwachte in ihm; ohne sich noch recht klar zu sein, was er vorhatte, richtete er seine Schritte zu dem Zimmer seiner Frau. * * * Am folgenden Tage hatte Carl die Scheidungsklage beim Gericht eingereicht und da die