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Der Israelit · 1878-03-20 · Heft 12 (20.3.1878) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 12 (20.3.1878)
Date
1878-03-20
Page
– (sequence 12)
Language
German
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294 Umstände zu gravirend, konnte die Entscheidung nicht allzulange verzögert werden. Sie entsprach seinen Wünschen. Das Gericht ertheilte nicht nur Bewilligung zur Ehescheidung, sondern sprach auch der Mutter jedes Recht auf ihre Kinder Lb. Der Act der Ehescheidung war vorüber. Der alte Grün hatte es sich nicht nehmen lassen, bei diesem traurigen Schritte, zu dem sein Sohn sich gezwungen sah, gegenwärtig zu sein. Er hatte diese Verbindung nie gewünscht und athmete auch wie von schwerem Alp befreit, als er sah, wie sein Sohn den Scheidebrief in die Hände seiner Gattin gleiten ließ und sich hiedurch vollständig von der Verworfenen lossagte. „Nun bist Du endlich wieder frei", sprach er bewegt, als er am Arme seines Sohnes das Zimmer verließ, in dem die Scheidung stattgefunden hatte, „nun wirst Du ein neues Leben beginnen." „Ich will es versuchen", entgegnete Carl mit Festigkeit, aber sein Auge glänzte nicht freudig, wie das seines Vaters. Er hatte sie doch einst geliebt und furchtbar gelitten, als er entdeckte, daß er seine Liebe einer Unwürdigen geschenkt. Und die Erinnerung an die vermeintliche Seligkeit der ersten sechs Jahre seiner Ehe und an alle die Qualen des letzten hatte sein Herz in dieser Stunde zu sprengen gedroht und nur mit Aufbietung all seiner Geisteskraft hatt er sich aufrecht erhalten. Stumm und bleich schritt er an der Seite seines Vaters dahin. — Emma hatte zwar schon längst sein HauS verlassen, aber er hatte sich nicht entschließen können, die Räume wieder zu bewohnen, zu erschütternd waren die Erinnerungen, die sich daran knüpften. So war es denn beschlossen worden, daß auch er mit seinen Kindern im Hause seines Vaters seinen bleibenden Aufenthalt nehmen sollte; war ihm doch vor Allem daran gelegen, diese Letzteren unter der Aufsicht seiner Schwester zu wissen. Als er heim kam, sprangen ihm die Kleinen fröhlich entgegen, und Schwester und Schwager reichten ihm theilnehmend die Hand, Er warf sich in einen Sessel, hob die Kinder auf seine Knie und hielt sie lange schweigend in seinen Armen. Aber die Kleinen plauderten munter drauf los, unbekümmert um das erregte, zuckende Antlitz des Vaters. Sie fühlten sich überhaupt in jüngster Zeit, seit sie im Hause ihres Großvaters sich befanden, bei weitem wohler als ehedem. Rosa's liebevolle Pflichttreue überließ sie weit weniger der Sorgfalt der Dienstboten als Emmas leichter Sinn. Das gemeinschaftliche Wohnzimmer, in dem Rosa sich gewöhnlich aufhielt, war auch der Kleinen Aufenthaltsort und jetzt sahen sie auch den Vater weit öfter als bisher. Jede freie Minute, die er nur erübrigen konnte, verbrachte er bei seinen Kindern. Stunden lang konnte er sie auf seinen Knieen spielen lassen, ja, es befiel ihn eine ihm selbst unerklärliche aber darum nicht weniger peinigende Unruhe, wenn er die Kinder einen halben Tag lang nicht gesehen, und dennoch wußte er, daß seine Schwester ihnen die Mutter mehr als ersetzte. Aber er wußte auch, daß Emma, obgleich sie die Kinder in den letzten Monaten ihres Beisammenseins arg vernachlässigt hatte, sie dennoch in ihrer Weise liebte und daß es in der That ein Schlag für sie gewesen war, als sie aller Rechte an sie verlustig erklärt ward. Und er wußte auch, daß sie ihn haßte, ebenso glühend wie sie ihn einst geliebt hatte, und daß sie geschworen hatte, ihn trotz ihrer Scheidung dereinst noch ihre Rache empfinden zu lassen. Wie aber hätte sie ihn empfindlicher treffen können als in seinen Kindern? Er schwebte daher in beständiger Angst, sie möchte wenigstens den Versuch machen, die Kinder an sich zu locken, und so schwer es ihm ward, er glaubte sich verpflichtet, trotz ihres zarten Alters den Kleinen zu erklären, daß ihre Mutter ihrer unwürdig und daß sie, wenn sie vielleicht auf Spaziergängen oder wo immer sie zu sich rufen würde, sie ihr nicht folgen dürften. „Das weiß ich wohl", erwiederte Hugo, indem er mit seinen wunderbar schönen Augen, er war ganz das Ebenbild seiner Mutter, zu dem Vgter aufschaute. „Mama ist sehr bös, Mama schreibt am Sabbat und macht Musik am Sabbat und näht am Sabbat und thut noch viel Böses mehr." „Aber, wenn Mama wieder gut wird, dann darf Selma sie wieder küssen", rief sein kleines schelmisches Schwesterchen, und dabei schlang sie die Arme um des Vaters Hals und küßte ihn nach Herzenslust. Carlos Besorgniß war in der That nicht unbegründet , Emma hatte bereits wiederholt den Versuch gemacht, mit ihren Kindern in Verkehr zu treten, und Carl hiedurch veranlaßt, eine polizeiliche Warnung an sie ergehen zu lassen. (Fortsetzung folgt.)

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