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Der Israelit · 1878-03-20 · Heft 12 (20.3.1878) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 12 (20.3.1878)
Date
1878-03-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
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290 Fällen Melassen. So können sie keine volle Liebe haben für ein Vaterland, daihre Rechte und Kräfte nicht zur Geltung kommen läßt. Diese Uebelstände mußt Du abstellen, mußt mit gleicher Liebe alle Deine Unterthanen umfassen, gleichviel, ob sie Juden, Christen oder Mohamedaner seien. Glaube mir. eine jede Unterdrückung rächt sich an dem Unterdrücker. Da die Osmanen sich zur Herrschaft berufen fühlen, halten sie es für überflüssig , sich diejenigen Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen, welche zur Ausübung eines andern Erwerbzweiges erforderlich sind. Zum Arbeiten sind ja die Giauren*) da! Die Raja**) sollen arbeiten, und die Osmanen wollen die Früchte dieser Arbeit genießen. Ackerbau, Handwerk, Handel, Schifffahrt — solche Beschäftigungen sind eines Osmanli unwürdig, und er überläßt sie den Juden und Christen. Daraus ergibt sich als weitere Folge die Abneigung der Herrschenden gegen Alles. was zur Förderung des Ackerbaues, der Industrie, des Handels und der Schifffahrt dient; es werden weder Straßen noch Brücken, weder Canäle noch Häfen erbaut; selbst die vorhandenen läßt man verfallen, weil, so sagt man, solche Dinge nur den Giauren Nutzen bringen. So muß das Osmanische Reich gegen andere Nationen Zurückbleiben und am Ende in sich zerfallen."" „Und Du meinst ....?" „„Daß eine Gleichstellung aller Deiner Unterthanen ohne Unterschied der Religionen dem Uebel die Wurzel nimmt, und daß der erste Schritt dazu der wäre, daß Du mir gestattest, meinem Glauben treu zu bleiben."" „Rose von Salonichi, ich bewundere Deine Weisheit. Woher stammt Dir all dieses ausgebreitete Wissen?" „„Es ist mein Oheim, Don Rodrigo, dem ich das Wenige verdanke, was ich weiß."" „Wenn Du erst meine Gattin bist, so ernenne ich ihn zu meinem Großvcsier." „„Auch er wird nie seinen Glauben verleugnen."" „Wenn eine Jüdin Sultanin Chaseki ist, so mag auch ein Jude Großvesier sein." „„Darf ich mir noch eine Frage erlauben?"" „Rede!" „„Ist es wahr, daß Du vor Deiner Thronbesteigung Deine neunzehn Brüder hast ermorden *) Nichtmuhamedaner. **) Deßgleichen. und siebenzehn Frauen Deines Vaters, die noch ungeborene Kinder unter ihren Herzen trugen, hast ertränken lassen?"" , „Es ist wahr." „„Wie langmüthig ist Gott, daß er solche Frevel duldet!"" „Es ist das ein weises Staatsgesetz. Wie ich es zur Ausführung gebracht, so hat es mein Vater gethan und vor ihm mein Großvater. Erbsteitigkeiten unter den Prinzen des Königshauses würden zu Bürgerkriegen führen; Ströme von Blut würden vergossen werden. Der Sultan opfert die Seinen zum Heile seiner Völker." „„Welch ein entsetzliches Raubthier ist doch der Mensch! O, dieser Mensch, der im Ebenbilde Gottes erschaffen worden, der nur Gutes und Edles thun, die Wahrheit erforschen, seinen Mitmenschen nur Liebesthaten erweisen sollte — er fröhnt den niedrigsten Leidenschaften und wird zum Räuber uud Mörder. Doch schlimmer noch als der Räuber in der Wüste, der Mörder, der beim Einbrüche tödtet, ist derjenige, welcher unter dem Schutze schrecklicher Gesetze, die seine Ungerechtigkeit gegeben, raubt und mordet."" „Ich höre Dinge von Dir, Esther, an die ich nie gedacht habe, von denen mir nie Jemand gesprochen hat. Eine neue Gedankenwelt geht mir auf. Ich fühle mich selbst gehoben, veredelt, wenn ich Deine Stimme vernehme und dem Sinne Deiner Worte lausche. Sprich, was gibt Deinen Reden einen so hohen Gehalt, eine so überzeugende Kraft?" „„ES sind die erhabenen Grundsätze des Judenthums, hoher Herr, die mich durchdringen; eS ist die Lehre des allweisen Gottes, die er seinem auserwählten Volke offenbart hat."" „O, schweige, Rose von Salonichi , schweige, sonst verleitest Du mich am Ende noch, Jude zu. werden." Weder der Sultan noch Esther wußten, daß sie behorcht wurden, daß keines ihrer Worte unbelauscht blieb. Die Horcher draußen wurden starr vor Entsetzen ob der Dinge, die sie vernahmen. Das Osmanenreich schien ihnen in Gefahr, von der kleinen, zarten Hand Esther Chiera's zertrümmert zu werden. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaetion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Ho^buchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Main, (Mainzer Anzeiger).

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