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Der Israelit · 1878-03-20 · Heft 12 (20.3.1878) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 12 (20.3.1878)
Date
1878-03-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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289 Feuilleton. Lsther Mera. Eine historische Erzählung. XII. „Darf ich Dein Lächeln als ein mir günstiges Vorzeichen ansehen?" fragte der Sultan. Esther schwieg. Der Sultan wurde ungeduldig. „Esther", rief er, „reize mich nicht zum Zorn, der Beherrscher der Gläubiger ist nicht daran gewöhnt, daß man seine Frage nicht beantwortet." „„Gnädigster Herr, Du kannst mir nickt gebieten, Dich zu lieben; dazu reicht Deine Macht nicht aus. Du mußt um meine Liebe werben. Dein Zorn kann mich erzittern machen, aber nicht meine Neigung zu Dir Hervorrufen."" „Willst Du zum Islam übertreten?" „„Niemals; eher sterben."" „Willst Du meine Gattin werden?" Esther schwieg. „Du schweigst! Darf ich Dein Schweigen als Zustimmung deuten?" „„Die Königin Esther blieb Jüdin; aber sie ward die Gemahlin des Königs von Persien."" „Du machst mich glücklich und unglücklich zugleich; es ist nach den Gewohnheiten des Serail unerhört, daß eine Jüdin als Jüdin den Thron der Osmanen besteige." „„So brich mit diesen alten Gewohnheiten und laß mit Dir ein neues Zeitalter beginnen. Siehe, das Osmanische Reich gleicht dem Kolosse, von dem im Buche Daniel die Rede ist: sein Haupt ist von Gold, sein Leib ist von Erz; aber es ruht auf thönernen Füßen — es muß dereinst zusammenbrechen. Das Osmanische Reich ist das größte und schönste der Welt; es vereinigt die berühmtesten, in der Weltgeschichte hervorragendsten Länder: Griechenland, Palästina, Syrien, Lydien, Babylonien, Assyrien, Aegypten. Alle diese Länder blühten einst im reichsten Wohlstände, in Wissenschaft und Kunst, in Ackerbau und Gewerbe. Der allgütige Gott hat all diesen Ländern unendlich segenvolles Gedeihen verliehen; ein fruchtbarer Boden unter den verschiedensten Temperaturen begünstigt jeden Zweig des Ackerbaues und der Piehzucht; eine ungemein entwickelte Küstenbildung im Centrum dreier Erdtheile bildet eine Lage wie sie für Handel und Schifffahrt nicht günstiger gedacht werden kann; eine kräftige, arbeitsame, intelligente, au geringe Bedürfnisse gewöhnte Bevölkerung könnte sich durch Gewerbefleiß auszeichnen und mit allen Nationen der Welt wetteifern. Aber hat man daran gedacht, durch weife Gesetze und verständige Einrichtungen alle diese Quellen des NationalreichthumS zu erschließen? Nichts von allem Dem! Das Osmanische Reich besteht lediglich aus Eroberungen; die Bedürfnisse des Reichs werden aus den Früchten der erfochtenen Siege bestritten. Das Heer wird durch die Eroberungen, Plünderungen , Contributionen belohnt. Die Beamten erhalten keinen Gehalt; es bleibt ihrem Scharfsinn überlassen, sich zu entschädigen. und sie entschädigen sich. Die Statthalter in den Provinzen reißen an sich, was sie an sich reißen können. Die Zimmi*) sind keinen Augenblick ihres Lebens und Eigenthums sicher. Es wird eine Zeit kommen, in der das Osmanische Reich seine Eroberungen nicht mehr wird ausdehnen können. Ein neuer Geist ist im Westen erwacht; die Künste des Friedens erblühen in Italien, Frankreich, England, Deutschland; die Völker fangen an, nicht mehr den Krieg als den Endzweck ihres Daseins zu betrachten; bald werden an den Grenzen starke Nationen den Osmanischen Heeren unüberwindlichen Widerstand leisten. Was wird dann aus dem Osmanischen Reiche werden? Die thönernen Füße werden zerbrechen, und der Koloß wird in Trümmer stürzen."" „Und was räthst Du mir zu thun?" „»Bei Zeiten mit den alten Gewohnheiten zu brechen. Die Janitscharen und die Sipahi's und die Galiondschi's**) sind zügellose Horden. Du glaubst, sie zu beherrschen, und bist in der That ihr Sclave."" „Und wie meinst Du, daß man das ändern könnte?" „„Vermindere das Heer, laß aber in dem verminderten Heere die DiSciplin auf's Strengste aufrecht erhalten. Gib die auswärtigen Kriege auf und wende Deine Aufmerksamkeit den innern Zuständen des Reiches zu. Befördere den Ackerbau und dulde nicht, daß Deine Beamten den Landmann berauben. Laß fürder nicht die Mohamedaner über die Andersgläubigen herrschen. Die zahlreichen Nichtmoslim Deiner Staaten sind eine untergeordnete, unterdrückte Menschenklasse. Ihr Zeugniß ist vor Gericht nicht zulässig. Dadurch sind sie rechtlos, aller Willkür preisgegeben. Zu Staatsämtern werden sie nur in den seltensten *) Schutzbefohlenen; das sind die Bewohner der eroberten Provinzen. **) Sersolbatm.

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