Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1878)
- Date
- 1878-03-13
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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264 Feuilleton. Licht und Schatten. Erzählung von Friedrich Rott. XXVII. Kopfschüttelnd betrachtete ihn die Schwester. „Carl" rief sie endlich mit aufsteigender Besorgrnß „Dir ist ein Unglück widerfahren, Du kannst es mir nicht verbergen. Kopfschmerzen allein machen Dich nicht so fürchterlich aussehen." Er hob den Blick und sah in dem ihm gegenüber Hangenden Spiegel sein verzerrtes erdfahles Antlitz. „Es ist wahr," flüsterte er, „ich kann es nicht leugnen, mein Aussehen verräth mich." „Aber was ist es, Carl? um Gotteswillen sprich! — Ist Dir etwas geschehen — oder Emma — oder den Kindern?" „Uns Allen" murmelte er und schlug die Hände vor's Gesicht und brach nun endlich in ein convulsivisches Schluchzen aus. Rosa gerieth in Todesangst; den männlich starken Bruder so zu sehen, das hatte sie nie für möglich gehalten. „Carl, um des Himmelswillen fasse Dich! — wer wird — wer darf denn so verzweifeln! — Bedenke doch — Alles was wir haben, steht zu Deiner Verfügung. — Du bist — insolvent?" Er schüttelte verneinend das Haupt. „Gott sei Dank," flüsterte sie, „daß meine Vermuthung irrig, aber ich habe das Aergfte gefürchtet." Das Äergste — wußte sie, was sie sprach? war sein Unglück nicht noch größer, unendlich größer? — Aber sie wagte nicht, weiter in ihn zu dringen, sie nahm seine Hand und drückte sie schweigend und wartete angstvoll, bis er sprechen werde. — Doch es verging noch eine geraume Zeit, bis es ihm gelang, seine Fassung zu erringen. „Verzeih," sprach er endlich, „ich habe Dich erschreckt, aber mir ist nun leichter — ich bin wenigstens im Stande, meine Lage klar ins Auge zu fassen." „Aber, was ist denn geschehen, Carl? — willst Du es mir nicht sagen?" „Ja, ich will es Dir sagen Rosa — Dir vor allen Andern — denn wenn ein Mensch mir helfen könnte, so wärst Du es." „O wie gerne werde ich Dir helfen." „Acb, helfen kann mir doch kein Mensch, aber Deines Beistandes bedarf ich, Rosa — auf ihn rechne ich." „Verfüge über mich." Das Mädchen trat ins Zimmer, den Tisch zw ordnen, Carl wandte sich dem Fenster zu, damit sie sein verstörtes Aussehen nicht gewahre, doch als sie sich wieder entfernte und Rosa ihn aufforderte, sich zu waschen und zu Tische zu setzen, folgte er willig ihrer Einladung; denn nach den Anstrengungen der Reise und den entsetzlichen Aufregungen des Tages mußte er sich zu kräftigen suchen und darum zwang er sich, einiges zu genießen. Während er aß, suchte Rosa seine Aufmerksamkeit von seinem eigenen Unglück abzulenken und erzählte ihm von der zunehmenden Kränklichkeit ihres Mannes. Ein ihm verwandter Professor, den er vor Kurzem consultirt, habe ihm empfohlen, einige Jahre in Cairo zuzubringen, doch der ihn gewöhnlich behandelnde Arzt wäre damit nicht einverstanden , und so wolle er dem erwähnten Rath nicht folgen. Carl zwang sich zur Aufmerksamkeit und stellte einige theilnehmende Fragen, denn er schätzte seinen Schwager aufrichtig. Doch als er mit dem Speisen zu Ende, versank er wieder in ein trübes Sinnen. „Carl" sprach Rosa endlich, „ich möchte Dich doch sehr bitten, mir nun endlich mitzutheilen, was Dir widerfahren." Er entsprach ihrer Aufforderung; in halblauter vor Schmerz oft bebender Stimme theilte er ihr rückhaltlos Alles mit. Sie lauschte seinen Worten, ohne ihn zu unterbrechen, aber bas Herz zog sich ihr krampfhaft zusammen; es war ihr, als würde alles Blut in ihr erstarren. — Ihren edlen, hochherzigen Bruder, der für die Beobachtung seiner Pflichten seinen letzten Blutstropfen hingegeben hätte, in dieser entsetzlichen Lage zu wissen — sie vermochte es kaum zu fassen — er fühlte ihre Hand, mit der sie die seine noch immer umfaßt hielt, erkalten. „Und was beabsichtigst Du zu thun?" fragte sie endlich leise. „Mich von ihr zu scheiden, um jeden Preis." Rosa schüttelte den Kopf. „Darin wird Emma nie willigen." „Sie muß." „Du kannst sie nicht zwingen." „Was?" fuhr er auf, „eine Frau, die ihren Mann betrügt!" „Du bist zu aufgeregt, sonst würdest Du nicht so sprechen; nach bürgerlichem Gesetz hat sie sich gegen Dich nicht vergangen." Er war aufgesprungen und rannte in höchster Erregung im Zimmer auf und nieder. „Du hast Recht," stieß er endlich hervor.