Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1878)
- Date
- 1878-03-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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w 256 bringen; aber bald ließ Eigennutz und Gewinnsucht sie in die alten Sünden zurückverfallen. Nun war zu Esther« Zeit, da« Volk au« seinem Heimathlande vertrieben; in der Verbannung ging die Zersetzung um so rascher vor sich; es schien mit dem Judenthume aus zu sein. Da sandte Gott zur Rettung Seine« Volke« keine Propheten und Prophetinnen. — Er sandte den erbittersten, übelwollendsten Feind. Haman wurde der größte Wohlthäter de« jüdischen Volkes. Was all die Propheten und Prophetinnen nicht zu Vorbringen vermocht hatten, das vollbrachte Haman, da er sich vom Könige den Sigelring zur Untersiglung des Mordbefehls reichen ließ c:nt> ysn» ispi pv. Ganz Israel kehrte reuig zu Gott zurück, jeder Einzelne bereute seine Sünden und that Bußin Sack und Asche. O, Israel ist trotz Allem ein heiliges Volk; der Kern ist gut; nur die Leidenschaft bethört das Volk; die Leiden und Kümmernisse bringen die Leidenschaften zum Schweigen; dann zeigt sich das Volk in seiner Güte und Schöne; dann zeigt sich sein edler Gehalt. Wie die n»a nnip, die Balken der Oelpresse aus den Oliven den kostbaren Saft, das Oel, zu Tage fördern, so war das schwere Leid, mit welchem Haman das Volk bedrohte, dazu angethan, dieses zur Reinigung, zur Buße, zur Besserung zu führen. Aber die Führer, die Retter, die Erheber, die Befreier — sie dürfen nicht erst durch schwere Leiden zu Gott geführt werden, sie müssen freiwillig, von Anfang an, ohne Zwang und Nöthigung, das Gute wollen und zu fördern suchen. Ein solcher war Mordechai po rrnnn ]D otid im io D’btcQ *\b np nntn „Mordechai aus der Thora, woher? Und Du nimm Dir der Gewürze erstes, Mor deror. „Was ist nun im id und warum heißt es costa? Mor, id, ist nichts Anderes als Myrrhe; es ist ja dasselbe Wort (vergleiche di zur Stelle). Balsamodendron Myrrha ist ein in Arabien heimischer und zu den Amyrideen gehöriger Baum; aus der Rinde dieses Baumes fließen ölige, ^gelbliche Tropfen, welche an der Luft allmählich dunkler, dickflüssiger und endlich ganz hart werden; das ist das unter dem Namen Myrrhe bekannte Gewürz , das id der heiligen Schrift, im heißt „Freiheit" im Dntnpi jwlö (vergleichen i"v"D"-> zur Stelle). Wenn man die Rinde des Myrrhe- Baumes preßt, so fließt noch mehr Myrrhe heraus; das ist aber nicht so gut, wie das freiwillig dem Baume entfließende. Daher nennt die heilige Schrift das erste, das beste, das vorzüglichste der Gewürze im id, das freiheitlich entfließende Myrrhe. So verhielt eS sich mit Mordechai und den Seinen der großen Menge des Volkes gegenüber. Das Volk mußte erst gepreßt, gequält werden, ehe eS zu Gott zurückkehrt, ehe das köstliche Gewürz der Gottinnigkeit zu Tage treten konnte. Nicht so bei Mordechai; er glich dem im id («031 «o’D p'DnnDi); bei ihm war die Gottinnigkeit eine freiwillige, freiheitliche. Und deßhalb ward er ersehen zum Retter, zum Befreier seines Volkes. Auch wir leben in einer Zeit schwerer Krisen; die große Menge des Volkes will sich lossagen von Gott und Seinen heiligen Geboten. Gott aber wird Sein Volk nicht loslassen. O, kehren wir freiwillig zu Ihm zurück, damit nicht schwere Leiden zur Läuterung nothwendig werden. Die Hamaniden, die Amälekiter leben noch heute; sie sind bereit, über die zerstreute Lämmerheerde Israels herzufallen und sie zu zerfleischen; nur Einer, der Hüter Israels, der tr.ue Hirte, kann uns schützen vor ihrer Wuth. Bleiben wir treu dem Glauben der Väter, dem Gesetze unseres Gottes, und wir brauchen die Hamaniden und Amälekiter nicht zu fürchten. Wenn die Lehre, die uns Moscheh gebracht, uns aus der Versunkenheit emporzieht, dann verfallen die Hamaniden dem Verderben; und wenn Gott sein Antlitz uns verbirgt, so ist es die Ihm bewahrte, freiwillige Treue, die uns dem Lichte Seines Antlitzes wieder zuführt. Aas alle Keillgthum und die modernen Synagogen. in. Daß die Bauleute vergeblich bauen, wenn, statt Gott, verblendete Eitelkeit das Haus bauk^ ist eine alte Wahrheit, die durch unsere modernen Reform- Tempel eine neue Bestätigung erfährt. Daß aber Gottes segnende Nähe, die nur auf Liebe und Recht, auf piu und üs^d sich gründet, nicht da weilen kann, wo Zwang und Gewalt das Fundament bilden, ist eine Thatsache, die allein den Fiasko jener Gotteshäuser erklärt, wie er sich vor unseren Augen vollzieht. Wenn man dieses eine Moment unverlierbar im Auge behält, sollte mau wahrlich glauben, das Reformjudenthum mit seinem Prunktempel hätte zu dem Bilde gesessen, das Jeremias mit den Worten entwirft: