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Der Israelit · 1878-03-06 · Heft 10 (6.3.1878) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 10 (6.3.1878)
Date
1878-03-06
Page
– (sequence 12)
Language
German
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238 Carl war nur auf wenige Minuten in sein Zimmer gegangen, hatte dem Drängen der Kinder entsprochen und die für sie mitgebrächten Geschenke ihnen überreicht. Doch er hatte heute kein Auge für den Jubel, mit dem sie ihm lohnten und der ihn doch sonst so innig ergötzte. Schmerzlich seufzend griff er nach seinem Hute, um in's Comptoir sich zu begeben — was er dort wollte, wußte er selbst nicht; war er doch heute nicht im Stande, irgend einen klaren Gedanken zu fassen. Emma trat ihm in der Thür entgegen. „Du willst schon wieder fort, und wir werden gleich zu Tische gehen." Schweigend legte er den Hut wieder ab und trat mit ihr ins Wohnzimmer, wo der Tisch bereits gedeckt. Die Kinder waren zurückgeblieben. Die Suppe ward aufgetragen. Carl nahm seinen gewöhnlichen Platz ein. Emma saß an seiner Seite, wie gewöhnlich legte sie ihm vor. Mechanisch nahm er den Teller aus ihrer Hand, mechanisch ergriff er den Löffel und war eben im Begriff, ihn zum Munde zu führen, als er ihn plötzlich fallen ließ und hastig aufsprang. „Um Gotteswillen Carl, was ist Dir?" Er erwiederte nichts, aber ein Stöhnen entrang sich seiner Brust. „Ich bitte Dich um Gotteswillen Carl, setze Dich und genieße etwas." Kraftlos ließ er sich in den Sessel gleiten, griff dany nach der Flasche und trank rasch hintereinander mehrere Glas von dem feuerigen Ungarwein. Er fühlte es, Stärkung war ihm nothwendig, wollte er nicht ohnmächtig zusammenbrechen. „Aber iß nun auch ein wenig Suppe, nur ein Paar Löffel," bat Emma. Er schob den Teller hastig von sich, daß sein flüssiger Inhalt über den Tisch spritzte. Die übrigen Speisen wurden nun aufgetragen, Carl berührte keine, aber er verschlang mit fast gierigem Heißhunger mehrere Stück Brod. Emma's Antlitz glühte, das bisher so drückende Sckuldbewußtsein schwand fast vollständig vor dem in ihr aufsteigenden Zorn. „Was soll das heißen, Carl?" rief sie, indem sie ihn voll und fest anschaute, „warum genießest Du keine von alle den Speisen, und Du warst doch hungrig, denn Du hast viel Brod gegessen?" Er erwiederte ihren Blick mit seinen großen klaren Augen, die sie bisher so wunderbar schön gefunden, und die nun durchbohrend auf ihr ruhten. — Sie war nicht im Stande diesen Blick zu ertragen und senkte den ihren erbleichend zu Boden. „Was das heißen soll?" sprach er endlich, und seine Stimme klang so heiser, so vollständig verändert , daß Emma erstaunt aufblickte und nicht begreifen konnte, daß Carl es war, der da sprach. „Was das heißen soll?" fuhr er mit erhobener Stimme fort, „das soll heißen" —• er preßte beide Hände mit furchtbarer Gewalt auf's Herz, „daß ich in meinem Hause gekochte Speisen nicht mehr genießen kann, weil ich nicht wissen kann, ob sie koscher sind oder nicht." „Carl," schrie Emma, auf's Neue erglühend, „was denkst Du von mir?" „Möchtest Du im Ernst, daß ich Dir sage, was ich von Dir denke?" höhnte er. „Wie kannst Du glauben, ich würde Dir unerlaubte Speisen vorsetzen?" „Und willst Du mich etwa glauben machen, daß es erlaubte Speisen waren, die Du am Tische Deiner Schwester genossen?" „Was ich gegessen habe oder was ich für mich thu-, das kümmert Dich nicht!" „So? — das kümmert mich nicht?" „Nein, nein und tausendmal nein!" rief sie immer heftiger werdend, „Dich kümmert nur, was ich für Dich thue." „So? — was Du für mich thust — .und was wäre denn das?" Es lag ein solch verletzender Hohn in seinen Worten, daß sie fast außer sich gerieth. „Das ist der Dank für alle die Opfer, die ich Dir gebracht!" rief sie in Thränen ausbrechend. „Für alle die Opfer, die Du mir gebracht? — was sind denn das für Opfer? — die möchte ich auch wohl kennen." „Und ist es etwa kein Opfer, daß ich Deinen Haushalt nach jüd. Vorschrift geführt?" rief sie heftig schluchzend „kein Opfer, daß ich mir selbst Jahre hindurch die unsinnigsten Beschränkungen auferlegt?" Er blickte sie kopfschüttelnd an, er war nicht sogleich im Stande, sie zu verstehen. „Dich Du den Haushalt nach jüdischer Vorschrift geführt, das nennst Du ein Opfer, das Du mir gebracht?" „Und wem sonst hätte ich es gebracht? Du denkst doch nicht, daß ich selbst je an all' den Firlefanz geglaubt hätte?" Er starrte sie an, preßte die Hände auf die Brust, der letzte Blutstropfen war aus seinem geisterbleichen Antlitz gewichen. „So hast Du mich von Anfang an betrogen! — hast mich belogen! — hast geheuchelt! —" Mit dumpfer, tonloser Stimme stieß er die Worte hervor, dann sank er zurück und bedeckte mit beiden Händen das schmerzzuckende Angesicht.

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