Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1878)
- Date
- 1878-03-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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239 Emma war nicht im Stande, ein Wort darauf zu erwiedern, verwirrt, rathlos stand sie da — zu spät erkannte sie, wie für sie selbst vernichtend ihre eigenen Worte waren. Sie preßte die Lippen aufeinander und blickte unruhig und verlegen auf den mit seiner Verzweiflung ringenden Mann. Plötzlich sprang er auf. „Und warum? — warum?" schrie er, „hast Du mir das gethan? — Schlange! — warum hast Du mein Leben vergiftet?" „Und das kannst Du fragen Carl?" entgegnete sie mit Thränen im Auge zu ihm aufblickend, „siehst Du denn nicht, daß ich nur aus Liebe, aus reinster innigster Liebe zu Dir das gethan habe, was Du mit so schlimmen Worten bezeichnest. Carl!" rief sie und breitete die Arme aus und wollte ihn umschlingen. Er wich zurück. „Rühr mich nicht an!" Laut weinend stürzte sie aus dem Zimmer und warf die Thür in's Schloß. Er fuhr mit der Hand über die bleiche Stirne. „Großer Gott! welch' entsetzliches Leben habe ich geführt! — Alles Lüge! — Alles Trug! — O Vater, Du hattest sie im Anfang durchschaut — o wäre ich Deinem Rathe gefolgt!" „Was soll ich nun beginnen? — wie soll ich weiter leben? — was wird aus meinen armen Kindern werden? —" Verzweiflungsvoll rang er die Hände. — Er erinnerte sich, daß er das Tischgebet noch nicht gesprochen — ließ sich wieder nieder in seinen Sessel und verrichtete es — aber seine Gedanken vermochten seinen Worten nicht zu folgen. Als er geendet hatte, stand er aus, griff nach seinem Hute und verließ das Haus. Fast unwillkürlich führten ihn seine Schritte in sein Comptoir. Erschreckt schauten seine Leute in das verstörte Antlitz ihres Chefs. Mechanisch horchte er dem Berichte seines Prokuristen; doch die Bemerkungen, die er, wie abwesend, dabei machte, standen so wenig im Einklang mit seinem sonstigen klaren Vorgehen, daß der theilnehmende junge Mann sich endlich eine Frage nach dem Befinden seines Chefs erlaubte. „Ich habe Kopfschmerzen, wüthende Kopfschmerzen," erwiederte er, „ich bin heute nicht im Stande, mich mit Geschäften zu befassen" und das Comptoir - Personal flüchtig grüßend rannte er wieder fort. Er kam zum Hause seines Vaters, das auch seine Schwester und ihr Gatte mit bewohnten. Vater und Schwager waren um diese Zeit nicht, daheim, doch Rosa traf er im Wohnzimmer. Freudig überrascht, eilte sie ihm entgegen, auch sie hatte ihn erst am folgenden Tag erwartet. „Willkommen lieber Herzensbruder! das heißt überraschen!" sie schlang die Arme um seinen Hals und bot ihm die Stirne zum Kusse. „Aber wie geht es Dir! Du siehst übel aus." „Ich habe Kopfschmerzen," erwiederte er trübe, „aber wie geht es Dir Röschen? und unserem Vater? und Jakob?" „Dem Vater und mir geht es Gottlob ganz gut, doch um Jakob bin ich recht besorgt; er hat in den jüngsten Wochen ernstlich gekränkelt. Es ist auch diese Zeit, die ihn alljährlich so trübe stimmt, die Erinnerung an das fürchterliche Unglück. Ich bin recht froh, Carl^, daß Du wieder da bist. Dein Frosinn, Deine Scherzworte richten Jakob immer auf." Um seine Lippen zuckte es schmerzlich — sein Frohsinn! — seine Scherzworte! — würde er je wieder lächeln können? — Rosa sah, daß er litt. „Komm, setze Dich, Carl, und lege Deinen Hut ab. Trinkst Du vielleicht ein Glas Limonade oder Himbeersaft?" Er schüttelte ahwehrend das Haupt. „Ich danke Dir. Aber wenn Du vielleicht eine Tasse Bouillon hattest — ich Hab seit zwei Tagen nichts Warmes genossen." „Gern, gern," rief sie aufspringend, „also hast Du noch nicht zu Mittag gegessen? — wann bist Du denn angekommen?" Er murmelte einige unverständliche Worte, doch sie hörte sie nicht, sie war schon hinausgeeilt, das Gewünschte zu besorgen. Carl lehnte den Kopf zurück und schloß die' Augen, er empfand iu der That einen heftigen Schmerz in den Schläfen-; doch was galt dieser' Schmerz, so heftig er auch war gegen die Qual, die sein Inneres zerriß, ein halbunterdrücktes Stöhnen entrang sich seiner Brust. „Armer Carl, Du leidest sehr," sprach Rosa besorgt, indem sie mit der Tasse Bouillon auf ihn zutrat. „Komm', nimm ein Paar Löffel, vielleicht wird es Dir gut thun." Schweigend nahm er die Tasse und leerte sie und athmete erleichtert auf. „Hat es Dir gut gethan? Fühlst Du Dich etwas besser?" „Etwas, ich danke Dir." „Das freut mich, aber nun mußt Dn auch noch ein Viertelstündchen warten, bevor ich weiter auftragen lassen kann. Wie geht es denn Emma und den Kindern?" „Gut," erwiederte er tonlos und starrte dann wieder schweigend vor sich hin. (Fortsetzung fol.ll.)