Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 10 (6.3.1878)
- Date
- 1878-03-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447747-2447758--14680-2470599- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XIX. Jahrgang. Erste LeUage zu Nr. 10 des Israelit. Leitender Artikel. Aas alte Keiligthum und die modernen Synagogen. ii. Die religiöse Gesinnung, für welche die prachtvollen Reformtempel zeugen sollen, beschränkt sich also auf das Bedürfniß, Gottes störende Gegenwart aus dem frisch pulsirenden täglichen Leben fort in vereinsamte Gottes-Häuser zu weisen. Die Wünschelruthe. welche in der modernen Wüste all den prunkenden Flitter hervorzaubert, erweist sich dem nüchternen Blicke als Steuer eintreibender Fiscalstock, der Wunderstab, welcher bei Reformjuden religiöse Opferfreudigkeit wach ruft, der aus Steinen nicht billiges Wasser, sondern theures Geld schlägt, entpuppt sich als der mächtige Krummstab des Vorstandes, den dieser unbarmherzig über die Reformheerde schwingt, und selbst die orthodoxen' räudigen Schaafe, gegen ihren eigenen Willen, zur Opferfreudigkeit zwingt. Ob damit das unverletzlichste Privilegium, die Freiheit der einzelnen Individuen verletzt, jüdische Gewissen vergewaltigt, das heiligste menschliche Recht mit Füßen getreten und so das billigste Rechtsbewußtsein gegetrübt und verkümmert wird, bleibt sich gleich. Der Zweck heiligt die Mittel, die feierlichen Orgeltöne übertäuben den Schrei bedrängter Gewissen. — So, und nicht anders ist die Grundlage beschaffen, auf welcher sich die stolzen Reformtempel erheben. Und nun ein Blick auf das Ideal eines wahren jüdischen Gotteshauses, auf das alte Heiligthum in der Wüste, wie es in den heiligen jüdischen Urkunden geschildert ist. Da geht zunächst Paraschath Theruma Paraschath Mischpotim voran, um schon durch diese bloße Gruppirung die Wahrheit auszusprechen: Ein jüdisches Heiligthum kann auf diesen Namen nur Anspruch erheben, wenn es sich auf dem Boden des von Gott gelehrten socialen Rechts erhebt *). Diese erste Anforderung bricht schon allein den Stab über die moderne Tempel, die der Willkür i"nn D’öbipö ~>nt* nonn nttns njru no^ (1 reformatorifcher Gemeindepotentaten ihr Entstehen verdanken. Mit welchem Ernst stellen bei jeder Gelegenheit unsere Urkunden, die Heilighaltung des „Rechts" als die Grundlage der Gesellschaft hin, als das unantastbare, göttliche Heiligthum der Menschheit, dessen Bedeutung nicht in der Sicherheit und Wohlfahrt der gesellschaftlichen Znstände wurzelt, das vielmehr um seiner selbst, und der ihm ausgeprägten Göttlichkeit willen auf Achtung und Anerkennung dringt! „Die ganze Thora hätte, da sie göttliches Gesetz ist, mit dem gesetzlichen Theil, mit der ersten Mizwah beginnen können, zu der Israel verpflichtet wurde. Sie beginnt nur deshalb mit der Schöpfung, um Gott als Schöpfer und Eigenthümer der Welt zu verkünden, und Israel, indem es den ihm vom Herrn der Erde angewiesenen Boden in Besitz nahm, gegen den Vorwurf der Gewalt zu schützen." So hat Gottes weise Waltung dafür Sorge getragen, daß, während allenthalben auf Erden alles Recht sich ursprünglich auf Gewalt stützt, der Boden, auf dem sein Gesetz zur Verwirklichung gelangen sollte, von diesem Makel frei blieb. — In den mannigfachsten Variationen findet dieser Gedanke in dem jüdischen Vchriftthum seinen Ausdruck: „Gott, mit unseren Ohren, haben wir's gehört, unsere Väter habend uns erzählt, ein Werk hast Du gestiftet in ihren Tagen, in den Tagen der Vorzeit. Du, Deine Hand war es, Völker hast Du vertrieben, die Du eingepflanzt, Staaten zerschmettert und preisgegeben. — Denn nicht mit ihrem Schwerte haben sie Land erobert, nicht ihr Arm führte sie zum Siege, sondern Deine Rechte und Dein Arm, und das Licht Deines Angesichts, denn Du wolltest ihnen wohl. Du bist nun mein König-" (Psalm 44.) Wo aber nun diese Königshuldigung durch Errichtung eines Gottesheiligthums zum Ausdrucke gelangen soll, steigert sich noch die Rücksichtnahme auf dieses Moment. Mit dem Rechte verbindet sich die Liebe, mit pnu db»q, und diese beiden jüdischen Genien, ergreifen die Herzen, öffnen die Hände, erschließen die Truhen, fügen Gabe zu Gabe, und einen das Ganze zu einer Stätte, in welche Gottes Herrlichkeit einzieht, und Sitz nimmt in seinem Volke p--L ■jndd p:o ostyoi.