Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1878)
- Date
- 1878-02-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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212 man ihm ein luxuriös ausgestattetes Prachtgebäude zur ausschließlichen Verfügung übergibt, dann lohnt es sich wohl, es Händevoll hinzugeben; die Betäubung aller Gewissensscrupel, und die erlangte Gewissensruhe sind nicht zu theuer bezahlt. Einige kleine Scrupel bleiben freilich auch dem gewissenlosesten Gewissen übrig, besonders wenn sein Besitzer ein Kaufmann ist, der dieses Geschäft wie jedes andere seinem Calcül unterzieht. Ist Gott wirklich so gutmüthig, sich mit einer so allerdings annehmlichen Abschlagszahlung abzufinden, sollte er es nicht noch billiger thun, fragt der hochbesteuerte Kaufmann seufzend, wenn er seinen neuen Jüdische-Gemeinde-Steuer- Zettel studirt? Ist das nicht ein moderner Ablaßzettel, diese Quittung über entrichtete Jüdische- Gemeinde-Steuern, fragt ein anderer fortgeschrittener Fortschrittler? Ich zahle jährlich so und so viel vom Synagogenbau herrührende Gemeindeschulden ab, damit Gott, auf Grund dieser Pauschalsumme , ein für allemal nichts an mich zu fordern hat? Wer quittirt für Gott? Der Gemeinderechner; der Name ist unleserlich; er könnte Tetzel heißen, wenn nicht die Jahreszahl 1878 daran erinnert, daß wir im letzten Viertel des erleuchteten neunzehnten Jahrhunderts lebten. Dank der sorgfältigen Organisation des ResormjudenthumS kommen derartige Bedenken jedoch selten zum Durchbruch. Dafür find eben die Reformrabbiner und Prediger da, die jede derartige Ketzerei schon im Keime salbungsvoll ersticken, die dafür bezahlt werden, auf jede Thorheit und. Extravaganz ihr Amen und Plant zu sagen, die also lange nicht so überflüssig sind als sie thatsächlich erscheinen. Sie müssen auf jede Frage eine Antwort, für jeden Verrath einen frommen Bibelspruch zur Verbrämung in petto haben, jede Schrulle eines jeden Vorstandes durch eine ergreifende Predigt salonfähig zu machen verstehen; das find die Qualificationsbedingungen der geistigen Träger, auf denen die modernen Heiligtümer ruhen. Dies ist jedoch nur eine der vielen Quellen, aus denen die Motive für Errichtung moderner Gotteshäuser und die dazu notwendigen Mittel fließen. Sie sind so zahlreich, wie der Unverstand buntscheckig ist, dem sie entspringen. Noch eine der gewöhnlichsten, mag hier erwähnt werden, weil sie mehr realen Ursprungs ist, als die eben genannte. Das Neformjudenthum ist auf dem weiten Erdenrund die einzige bestehende Religion der Negation. Es gibt zwar auch außer den Neformjuden, Menschen und Secten, die nichts glauben und nichts halten, aber sie geben diesen ihren Nihilismus nicht als Religion aus, sie erklären sich vielmehr emancipirt und frei von jeder Religion, nennen sich frei-religiös, oder verzichten überhaupt darauf, ihrer Richtung irgend einen Namen zu geben. Nicht so das Reformjudenthum. So heftig es auch sonst das Festhalten an der äußeren Form bekämpft, in diesem Punkte gebietet sein Selbsterhaltungstrieb eine Ausnahme; es nennt sich noch immer Judenthum, wenn auch Reform-Judenthum Und doch ist das ganze ReforM'Judenthum absolut nichts weiter als eine Verneinung des positiven Judenthums. Woran erkennt man einen Juden? Daran, daß er am Sabbat sein Geschäft schließt, daß er die Speisegesetze beobachtet, daß er an seinen Thüren Mesusoth hat, daß erTephilin legt, daß er seine Kinder ebenfalls als Juden erzieht rc. rc. Woran erkennt man den Reformjuden? Daran, daß er den Sabbat nicht hält, daß er die Speisegesetze nicht beachtet, daß sein Haus nicht das Symbol des Gottesschutzes trägt, daß er Arm und Haupt, That und Geist nicht mit den Zeichen der Unterordnung unter Gottes Willen schmückt, sein Kind nicht als Jude erzieht rc. rc. Vergebens sucht man nach einem positiven Kennzeichen; Quod non ist die Devise des Reform- Judenthums. So jämmerlich dies Alles auch ist, der Reformjude rühmt sich dieses Jammers, und preist ihn als Fortschritt. Er streift eine jüdische Sitte nach der anderen ab, glaubt Nichts, hält Nichts, und dieses Nicht-Halten und Nicht-Glauben, ist ihm das Ideal einer Religion, auf deren Erfindung er sich nicht wenig zu Gute thut. Eine Consequenz ernster Art ist es, die uns auf unseren speciellen Gegenstand wieder zurückführt. Dem einzelnen Reformjuden können die Folgen dieses, wie er es nennt, rein geistigen Ausbaues seiner Religion, gleichgiltig sein, aber der officiellen Repräsentanz, des Reform-Judenthums muß dieses wunderliche Ritterthum des Geistes mit der Zeit unbequem werden. — Sie können ihre Würde, ihre Autorität, den Nimbus ihrer Amtseigenschaft gar nicht an den Mann bringen. Jüdische Rabbiner und Gemeindevorstände können keinen Schritt thun, ohne daß die von ihnen geleiteten Gemeinden auf die Intelligenzen hingewiesen werden, denen sie die Leitung ihres Ge-