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Der Israelit · 1878-02-27 · Heft 9 (27.2.1878) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 9 (27.2.1878)
Date
1878-02-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XiX. Jahrgang. Erste Geilage zu Nr. 9 des Israelit. Leitender Artikel. Das alle Leillglhum und die modernen Synagogen. i. E. Wenn man den sogenannten Reformern vom religiösen Verfall spricht, den ihre Religion innerhalb der zeitgenössischen Judenheit heraufbeschworen hat, so pflegen sie der verwerflichen Maxime si fecisti, nega, gemäß das Vorhandensein eines solchen Verfalls nicht nur zu leugnen, sondern geradezu das Gegentheil zu behaupten. Eifrige Reform-Heilige verweisen dann auf die prachtvollen Gotteshäuser und den geläuterten Gottesdienst als auf Errungenschaften unserer Zeit, und als auf ein Zeichen dafür, daß das religiöse Leben doch noch frisch pulsiren müsse, das sich so achtunggebietend repräsentire. Aus die Gotteshäuser und ihren Cultus concentrirt sich daher ausschließlich das Reformjudenthum, und es kann nicht geleugnet werden, daß ein beträchtlicher Theil der großen Masse, durch dieses nun ein halbes Jahrhundert systematisch betriebene Manöver sich berücken ließ und läßt. Angesichts dieser Thatsachen bietet die um diese Zeit aus der Thora vorgelesene Errichtung des ersten jüdischen Gottesheiligthums auf Erden geeignete Veranlassung, einen Maßstab für die erwähnten modernen Heiligthümer zu finden, indem man sie mit den AnfLrderungen vergleicht, die Gott selber an eine ihm zu errichtende Stätte stellt. Hier wie dort handelt es sich, tcnip raj^nant» ttnpb um ein Heiligthum in der — Wüste. Eine Wüste hat ja neulich erst ein etwas vorlautes Organ des Reformjudenthums, das eigene Lager genannt, wüste und öde muß es im heiligen Kreise der Reform aussehen, wenn schon der Leipziger Gemeindebund einen seiner jüngsten Erlasse mit wehmüthiger Klage über den religiösen Verfall einleitet; wo nahm man nun in der Wüste, für das alte Heilgthum, das Gold, Silber, Erz, die animalischen und vegetabilischen Stoffe her, woher nehmen in ihrer Wüste die Reformtempel das Geld für ihren Pomp, die Orgeln, Goldkuppeln, elektrische Beleuchtung, Rabbiner, Chorknaben- und Führer und die anderen Luxusgegenstände? Zeugt es nicht hier und dort von einer opferfreudigen, religiösen Gesinnung, die um so größer erscheint, je öder die Wüste ist, in welcher solche Denkmäler religiöser Gesinnung sich erheben? Wie baut man heutzutage Reformsynagogen und warum baut man sie? Synagogen, d. h. rwDja vd, so nennt die Reform ihre Prachttempel nur selten. Sie spricht vorzugsweise pathetisch von Gotteshäusern, und sie hat ein Recht dazu. Denn wahrlich für die Menschen sind sie in erster Reihe gar nicht gebaut, eine ganze Woche wenigstens gehören sie Gott allein, und im günstigen Falle einem gemietheten Decemvirat, dessen Concurrenz aber nicht viel bedeuten will. Das erste Gottesheiligthum auf Erden war ein ipia ftw, eine Stätte in der Gott mit seinem Volke „Zusammenkommen wollte," unsere modernen Gotteshäuser sind dagegen prachtvolle Kerker, in die man Gott bannen möchte, damit er ja nicht mit uns im Leben zusammen treffe. Für den schlichten Juden, war und ist die GotteSnähe nmp, war und ist die göttliche Verheißung Daina , ich werde unter ihnen weilen, das Ideal aller irdischen Glückseligkeit. Dem Reformjuden dagegen, der Gott leugnet, oder ihn sich so zustutzt, daß er ihn ebenso gut vollständig leugnen könnte, der an Stelle eines höheren Willens und Gesetzes, das Verlangen seines Gaumens, Magens, und jedes beliebigen Sinnenkitzels setzt, dem Reformjuden hujus generis, ist Gott und der bloße Gedanke an ihn so störend, daß er Mittel und Wege suchen muß, ihn möglichst vollständig aus seinem Leben zu weisen. Er baut Gott ein Haus, sperrt ihn mit den Pergamentrollen, auf denen sein Wille steht, in der Hoffnung ein, daß er nun seiner ledig sei; läßt sich sodann auch 2 -3 Mal im Jahre herbei, das Gotteshaus zu besuchen, und die Summe dieser Anstandsvisiten nennt er Judenthum, Reformjudenthum. Kann man noch fragen, wo die Tausende und Hunderttausende Herkommen, die zur Errichtung und Instandhaltung dieser Mausoleen nöthig sind? Wenn man's mit Geld abmachen kann, Gott ein für allemal aus dem Leben zu streichen, indem

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