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Der Israelit · 1878-02-27 · Heft 9 (27.2.1878) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 9 (27.2.1878)
Date
1878-02-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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205 „Die Lehre des JudenthumS ist," nach Spinoza, „kein Gebäude der reinen Sittlichkeit, sondern ein einfaches Staatsgesetz, und alle Glaubenspflichten erfüllt der Jsraelite darum nicht in seiner Eigenschaft als Mensch, sondern all' das ist eine Eigenthümlichkeit des jüdischen Staatslebens, das soll dadurch geschützt und erhalten werden; darum ist die Erfüllung der Pflichten des Juden diesem in sittlicher Beziehung ganz unnütz, sie hat nur dadurch Werth, daß sie. ihn von der übrigen Menschheit trennt und als israelitischen Staatsbürger in seiner Eigenthümlichkeit erkennen läßt." Spinoza sagt, „daß die gesetzliche Umgrenzung des ganzen Lebens und jeder Thätigkeit diesem Zwecke trefflich diente, daß die Eigenthümlichkeit des Staates und des Volkes, sowie das Gesetz dadurch in voller Lebenskraft erhalten wurde," er behauptet aber, „daß, weil der Staat untergegangen sei, auch dies Staatsgesetz Israels kein Recht zu weiterem Bestände habe, daß folgerichtig das Volk, welches nur durch seinen Staat Bedeutung hat, als jüd. Gemeinschaft mit seinen eigentümlichen Lehren und Anschauungen zu bestehen aufhören müsse, weil die Gesammtlehre des Judenthums nur auf einen Staat berechnet gewesen wäre, nicht aber für die Zerstreuung. Nur der Trotz gegen Andersgläubige lasse sie so daran festhalten (traet. tdeol. xvlit. 0.5). Daß sie und ihre Lehre trotzdem in der Zerstreuung und Erniedrigung noch bestünden, nimmt Spinoza nicht Wunder, da sie ihre Gebräuche und besonders auch die Beschneidung so festhalten; das würde auch sie für immer bestehen lassen und nur dadurch würden sie den Untergang vermeiden." Da das ganze Judenthum dem Spinoza eine Widersinnigkeit ist, so scheint ihm der Bestand desselben als veraltete Staatsverfassung überflüssig; er möchte es aus der Welt schwinden sehen und weil die Gebräuche den Bestand desselben sichern und es vor dem Untergange, vor dem Verschwimmen in'S Fremdartige bewahren; nur als Feind des Judenlhums ist er deren Feind; nur weil er einsieht, daß mit dem Abwerfen dieser Schranken das Ganze des Judenthums nothwendig vergehen muß, darum möchte er sie fallen sehen. Wäre er dagegen ein Anhänger unserer Lehre, so würde er folgerichtig für den Bestand jedes Gebrauches und für seine strenge Beibehaltuug eifern. „Also arbeitet," nach Spinoza, „der am Untergänge der ganzen jüdischen Lehre, der diese Eigenthümlichkeiten abwerfen will; wer dagegen sagt, ich will die Hauptsache behalten und das Nebensächliche abwerfen, der ist ein Verblendeter, oder ein Heuchler. Ist das Judenthum berechtigt, so ist Alles daran unumstößlich, wo nicht, so muß mit dem scheinbar Kleinlichen auch das Große fallen." Vor diesem Schluffe sollte doch wohl manchem vollen Orgelprediger die Hälfte seiner Redensarten im Halse stecken bleiben. Das beabsichtigen selbst die Neuerer nicht; dies Ziel, dem sie zustreben, die allmähliche Zerbröckelung des Judenthums, stand nie als Schreckbild vor ihren Augen. Sie sind eben keine Weltweisen, die mit Strenge die Folgen aus jeder Ansicht ziehen, die die Tragweite jedes Wortes genau berechnen, sie schließen und folgern nicht nach Nothwendigkeit, sondern nur nach ihrer Laune. Sie bedenken nicht, daß die Geschichte in ihrem Laufe folgerichtiger ist, als sie. Mit der Absicht auf den Lippen, das Judenthum für die Ewigkeit zu bewahren, gehen sie den Weg, den Spinoza als Mittel zur Auflösung desselben betrachtet, glauben das scheinbar Aeußerliche wegwerfen und das Innerliche erhalten zu können, aus dem festen Gebäude des JudenthumS einzelne Steine zu entfernen, ohne daß das Ganze stürzt. Was sie mit zaghafter Hand begonnen, das wird ein späteres Geschlecht, dem ihr Beispielalle Ehrfurcht vor dem Heiligen aus dem Herzen gerissen hat, unerbittlich fortsetzen, wird mit rücksichtsloser Hand einen Stein nach dem andern aus dem Gebäude unserer Lehre forträumen, bis sie endlich für jentz Kreise nicht mehr da ist, die den Spuren unserer Schönredner gefolgt sind. Dann werden ihre Nachfolger sich mit Recht neben Spinoza unter Glas und Rahmen sehen lassen können, denn sein Standpunkt wird dann der ihrige sein. Welche Gestalt werden dann unsere Aufgeklärten in der Geschichte des Judenthums einnehmen? Die Nachwelt wird sie allgemein wie Göthe'- sche Zauberlehrlinge betrachten, die von ihrem Meister Spinoza ein Zauberwort aufgeschnappt haben, das sie dann, unbekümmert um die Folgen, ruhmredig in die Welt Hineinposaunen. Spinozas Ziel ist auch das ihre. Nur, daß er in seiner Verbissenheit gegen die angestammte Religion mit Absicht das Ziel verfolgte, dem seine unbewußten Nachbeter willenlos zusteuern: Zerstörung alles Bestehenden. Doch wird die Lebenskraft des wahren Judenthums , ob es auch Spinoza zum Tode verurtheilt, sich auch dieser Gefahr gegenüber siegreich zeigen, seine Fahne wird nicht verlassen werden von treuen Kämpfern, wie aus allen Stürmen der Jahrhunderte wird es auch hieraus durch die Gnade seines Schützers und durch die Treue seiner Verfechter siegreich hervorgehen. Brilon. Ludwig A. Rosenthal.

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