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Der Israelit · 1878-02-27 · Heft 9 (27.2.1878) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 9 (27.2.1878)
Date
1878-02-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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204 genfüßler? Wenn wir ihren begeisterten Redensarten Glauben schenken wollten, so stehen sie auf dem Wartthurme der Zeit und blicken wachsam in die Ferne, um alle Gefahren vom Judenthume fern zu halten, um es auf ihren Schultern durch die Fluth der Jahrhunderte zu tragen. Nur muß eine Lehre, deren Hauptvertreter zu sein sie sich rühmen , nach »und nach befreit werden von den kleinlichen Schranken, die herumgezogen sind, müssen „die Rostflecken" der Jahrhunderte davon fortgeputzt werden, müssen die Ecken sich abschleifen lassen, damit unsere Zukunftslehre recht niedlich, glatt und glänzend Jedem in's Auge falle. „Das Judenthum verändern, oder gar aufgeben? Beileibe nicht! Eber unser Leben! Nur das Veraltete, was sich mit unserer Zeit nicht verträgt, wollen wir abtragen, den Kleinlichkeiten und Aeußerlichkeiten den Rücken kehren, wollen brechen mit den Schranken, die die Vergangenheit uns aufgelegt hat — festhalten wollen wir nur die reine Lehre, den Feingehalt der ganzen Mischung, die kleinliche Geister Judenthum nennen!" Das ist der Grundton der frommen Redekünsteleien, von denen so viele Kanzeln wiedertönen, denen nach abgeleiertem Orgellied die Gläubigen wie der Kunde eines Sehers lauschen. O, wäre das Judenthum doch nur ein Ding, dem gegenüber man sich mit Redensarten abfinden könnte, wäre doch nur nicht die unerbittliche Wahrheit der Thora, vor der unausführbare Schwärmereien in Nichts vergehen — wahrlich, unsere orgeltonbeschwingten und begeisterten Kanzelredner und ihre. Nachbeter wären Juden, daß es ein Staat wäre! Doch überzeuge sie nur Jemand, daß sie zum Verderben des Judenthums wirken, wage man es, eine widersprechende Ansicht demüthigst äußern zu wollen — gleich ist man von diesen duldsamen GlaubenSlampenputzern als Dunkelmann verschrieen, der über Kleinlichkeiten das ewige Bestehen des Judenthums außer Acht läßt, der sich an Aeußerlichkeiten klammert, dabei aber die Hauptsache aus den Augen verliert. Es bleibt unS also Nichts, als mit ihren eigenen Waffen ihnen zu beweisen, daß sie (vielleicht in der Verblendung, ohne es zu wissen) das Judenthum allmählich seiner Vernichtung zuzuführen beabsichtigen. Der Zusammensteller des erwähnten Gedenkblattes , in dem ich durchaus nicht die Gesammtheit der Neuerer verkörpert glaube, der sich aber doch bemüht hat, hier ihre Absichten auszudrücken, hat unS in seiner Harmlosigkeit schon Stoff zum Beweise geliefert. Ihm schien die Neuerungspartei eine besonders abschleifende zu sein, darum hat er nicht verfehlt, links unten einen Zunftgenossen, einen Amsterdamer Glasschleifer, abzubilden. Wie sonst ließe sich unter Vertretern des Judenthums das Bild Baruch Spinoza's erklären? Wie gehörte er sonst unter diese Brillen und Vropbelenmäntel? Wir müssen annehmen, daß unser Zeichner und viele Andere mit ihm mit den Meinungen der Abgebildeten ganz übereinstimmten, daß er ehrlich genug war, die eigentliche Farbe der Neuerer einzugestehen und ihre Zwecke ganz unzweideutig uns vor Augen zu führen. Was anders läßt er die hier Abgebildeten ausrufen, als: Wir sind Spinoza's Genossen, seine Zwecke sind auch die unsrigen, wir verfolgen ein Ziel auf verschiedenen Wegen. Wollten nun unsere Gegenfüßler das in Abrede stellen und sich mit den Absichten des Zeichners nicht einverstanden erklären, so gilt der Beweis aus Spinozas Schriften selbst. Unsere Leser sollen daraus erkennen, daß dieselben Mittel, durch die die Neuerer das Judenthum erhalten zu wollen vorgeben, dem Spinoza Waffen sind, um dagegen zu streiten und es in seinem Bestände zu gefährden. In dem, was sie Hauptlehre des Judenthums nennen, sind sie eins mit uns; unser Gegensatz besteht nur in den Ansichten über die Gebräuche, die uns stets umgeben, die unsere Gegner für unwesentlich halten. Wir erkennen das Ganze als Ausfluß der Hauptlehre und als mit ihr innig verwachsen an, während unsere Erleuchteten beliebig ab- und zunehmen, was sich mit ihrer Laune verträgt, oder derselben widerspricht. In Spinoza, dessen Werke den Angreifern des Althergebrachten viele Waffen geliefert haben, bewundern wir eine Größe in seiner Art, wir staunen ihn an wie ein Wunderthier, wirerkennen die Kunst an, mit der er die seltsamsten Behauptungen zu scheinbaren Wahrheiten macht, einen Grund aus lauter morschem Bauholz legt und darauf bis in den Himmel ragende Luftschlösser errichtet, die nur keine irdischen Bewohner ertragen können. Der Satz, aus welchem hinsichtlich der Gebräuche und Eigentümlichkeit des Judenthums Alles bei Spinoza von selbst folgt, der die Grundlage seiner Gleichgiltigkeit gegen das Angestammte ausmacht, wird in seiner Abhandlung über Staat und Glauben (traotatus theologico - politicus) behandelt. Der Gläubige bekommt gewöhnlich eine Gänsehaut, wenn man diese Schrift erwähnt; doch kann der Jude, in dem Glaubenstreue und Festigkeit sich vereinen, getrost einen Blick hineinwerfen, er wird dadurch nicht von seiner Ueberzeugung abgebracht werden, vielmehr wird er die Haltlosigkeit dieser Behauptungen bald einsehen und wissen, „was er," nach dem Ausspruche der Weisen, „dem Gottesleugner erwidert",

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