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Der Israelit · 1878-02-20 · Heft 8 (20.2.1878) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 8 (20.2.1878)
Date
1878-02-20
Page
– (sequence 12)
Language
German
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190 ^ben hier nicht sehr entwickelt. Jeder, dem sein Herz treibt, Gutes zu thun, thut es nach seinem Ermessen und nach seiner Fayon. — Großes und Ersprießliches könnte wohl der „Waisenhilfsverein" leisten — wenn er wollte; denn er besitzt ein Vermögen von mehr als 70,000 fl. öst. W. Dieses nette Sümmchen nur zu 6 Procent angelegt, gibt jährlich 4200 fl. öst, W. — eine Summe, die wohl yinreichen würde, die Waisen der Gemeinde — gegenwärtig circa 20 an der Zehl — erziehen und bilden zu lassen. Aber der Vorstand des Vereins, sich vorläufig mit Verabreichung von „Erziehungsbeitragen" begnügend, hat es sich in den Kopf gesetzt, nicht eher, nach dem Beispiele anderer Gemeinden, — mit der factischen Erziehung der Waisen zu beginnen, bis ein nagelneues „Waisenhaus" fix und fertig dasteht. Es wurde auch bereits vor Jahren ein Bauplatz gekauft, aber der Voranschlag ergab, daß der aufzuführende Bau das Capital ganz und gar verschlungen hätte; dann hätte man wohl ein Waisenhaus gehabt, aber nicht die Mittel, es erhalten zu können. Man verkaufte daher wieder den Bauplatz und wartet nun ruhig ab, bis vielleicht nach einigen Menschenaltern Mittel vorhanden sein werden, den projectirten Bau aufzuführen. — Besser und ersprießlicher aber könnten die „Erziehungsbeiträge" verwendet werden, wenn man, kurz gesagt, sich dazu entschließen wollte, ein Waisenhaus zu kreiren und in's Leben treten zu lassen. Bei der billigen Miethe könnte man für einige hundert Gulden ganz passende Lokalitäten bekommen, oder, bei den gesunkenen Preisen der Realitäten, für etwa V4 des Stammkapitals ein zu diesem Zwecke geeignetes Haus käuflich erwerben. Oder besteht etwa die Hauptaufgabe eines Waisenhauses in der Herstellung eines Prachtbaues? In dieser ernsten Zeit sollte doch auf eitle Aeußerlichkeiten weniger Gewicht gelegt werden. „Schaue weniger auf das Gefäß, denn auf den Inhalt." Wenn der Verein dafür sorgt, daß die armen O'Qin' vor Verwahrlosung und Unwissenheit geschützt, — wenn auch in einem Hause bescheidenen und unansehnliechn Aussehens — gewissenhaft gepflegt und unterwiesen werden in religiösen und profanen Disciplinen, so hat er seine Aufgabe vollkommen gelöst und verdient den Dank und die Anerkennung aller Menschenfreunde. Und besteht einmal eine Waisenanstalt, dann werden sich gewiß Wohlthäter finden, die dem Institute ihr Wohlwollen zuwenden. Aus bescheidenen Anfängen ist schon oft Großes hervorgegangen. — O, daß unsere Mahnung kein Ruf in die Wüste wäre und daß man doch unsere Worte beherzigte! Abraham Nasch. Feuilleton. Licht und Schatten. Erzählung von Friedrich Rott. XXIV. Die mit so vielem Pomp vorbereitete Leichenfeier hatte durch dieses unliebsame Intermezzo viel von ihrem Ernst und ihrer Feierlichkeit eingebüßt; es lief ein Zischeln und ein Murmeln durch die zum Theil hocharistokratische Versammlung, das durch die geflüsterte Rede des Seelsorgers durchaus nicht übertönt wurde. Mit mitleidiger Theilnahme schauten seine Freunde auf den bleichen flüsternden Mann, der mit gesenktem Blick noch bei der Leiche stand; doch hätte er wie sonst sein lebhaftes feuriges Auge umherschweifen lassen, er wäre gar manchem ironischen Lächeln begegnet. Auch der alte Grün befand sich an der Seite seines ältesten Sohnes unter den Leidtragenden. Eduards suchender Blick hatte den Vater rasch gefunden, den Vater, den er seit nahezu fünf Jahren nicht gesehen und der nun als Greis ihm gegenüber stand. Er fuhr mit der Hand nach dem Herzen, als empfände er dort einen stechenden Schmerz. Was wollte das wilde Pochen? — klagte es ihn an, daß das Haar seines Vaters so weiß? — Er war vielleicht der einzige unter den Anwesenden , der die Unterbrechung der Trauerrede kaum beachtet. Seine beiden Schwäger, die gleich ihm als nächste Verwandte dem Sarg zunächst standen, schauten in sein bleiches zuckendes Antlitz und wähnten nur Schmerz um den Tod des ihm so nahe stehenden Mannes in demselben zu lesen, doch auch sein Bruder hatte ihn beobachtet, war seinem Blick gefolgt, der mit sehnsuchtsvollem Verlangen an dem Vater hing. Ob auch der Vater ihn bemerkt? Carl wußte es nicht, doch er empfand inniges Mitleid mit dem sichtlich leidenden Bruder und wünschte sehnlichst, die Verzeihung des Vaters ihm verschaffen zu können; denn er wähnte, diese könne nur zum Guten auf den Bruder wirken. Die Brüder wechselten einen verständnißinnigen Blick unh Carl errieth, daß Eduard dieses Zusammentreffen mit dem Vater nützen wolle, um persönlich den Versuch zu wiederholen, der bei Vermittelung des' Bruders schon so oft gescheitert. Und nun war Alles vorüber. Der Pracht-

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