Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1878)
- Date
- 1878-02-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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191 volle blumenbedeckte Sarg war hinabgelassen in die Gruft, zahllose Blumen nnd Kränze hatten liebende Hände ihm nachgesandt. Verwandte und Freunde hatten ein Jeder eine Schaufel Erde darein geworfen. Cantor und Chor hatten sinnige Lieder gesungen über das ewige Leben und über ein Wiedersehen in einer schöneren Welt. Und trotz seines kaum überftandenen Unwohlseins hatte Herr Doctor G. es sich nicht nehmen lassen, am Grabe ein Gebet zu sprechen. Ob in hebräischer oder in deutscher Sprache, das war nicht recht bekannt geworden, der hochwürdige Herr schien auch am Grabe noch den Wiederhall zu fürchten und hatte daher seine Andacht nur flüsternd verrichtet. Alles drängte nun der hinter der Friedhofsmauer harrenden Equipagen zu. Nur Eduard hielt sich zurück, er hatte mit seinen Schwägern noch einige Worte gewechselt, ihnen mitgetheilt, daß er nicht mit ihnen heimfahren werde und sie ersucht, seine Bertha über sein vielleicht etwas längeres Ausbleiben beruhigen zu wollen. Daß sie seinen Versuch in dieser, einer Anderen vielleicht unpassend erscheinenden Stunde billigen würde, das wußte er. Wiederholt hatte sie ihn ja selbst aufgefordert, eine Stunde zu erspähen, in der sein Vater vielleicht etwas milder gestimmt sein würde. — Nun, er glaubte, er hoffte wenigstens, ihn in dieser so zu sinden. ^Carl, dem Wunsche seines Bruders entgegenkommend, hatte seinen Vater zu bestimmen gewußt, den Heimweg zu Fuße anzutreten, denn er hätte es nicht gewagt, Eduard einen Platz in ihrem Wagen anzubieten. ' Es war ein milder, nicht zu heißer Sommertag. Der Weg vom Friedhof bis zur Stadt führte fast ununterbrochen an Gärten vorüber, deren hohe, lang sich dahinziehende Hecken in der Mittagstunde den angenehmsten Schatten gewährten. Der Weg war sehr belebt von Carossen und Fußgängern, denn alle die Tausende, die an dem Leichenzug sich betheiligt, mußten, um zur Stadt zu gelangen, ihn passiren. Bereits mehrere Minuten schritt Eduard mit laut pochendem Herzen hinter seinem Vater, ohne den Muth zu finden, ihm vor die Augen zu treten. Endlich faßte er sich ein Herz und trat grüßend ihm entgegen. Der Vater fuhr zusammen, als er die so lange nicht vernommene Stimme seines jüngsten Sohnes erkannte. Höflich griff er nach dem Hute, seinen Gruß zu erwiedern, doch Eduards auSgestreckte Hand schien er nicht zu gewahren. Carl sah die Lippen seines Bruders beben und hastig ergriff er dessen Hand. „Guten Morgen, Eduard. Wie geht eS Deiner Frau? wie erträgt sie den schweren Schlag, der sie getroffen?" „Schwer," entgegnete Eduard mit bebender Stimme „unendlich schwer — sie hat so viel verloren. — Und auch ich," fuhr er nach Fassung ringend fort, „auch ich habe so unendlich viel in ihm verloren, dem treuesten Freund und Verwandten und mit doppelter Sehnsucht drängt es mich, die Verzeihung Desjenigen zu erlangen, der mich verstoßen — Vaterführ er flehend fort, „bei dem Andenken an unsere theure verewigte Mutter, deren Bruder wir so eben zur Erde bestattet, beschwöre ich Dich, sei nicht unerbittlich — gewähre mir Deine Verzeihung." Der Greis blieb stehen und maß ihn einige Augenblicke schweigend vom Scheitel bis zur Sohle. „Und was willst Du denn eigentlich, daß ich Dir verzeihen soll?" fragte er endlich. „Alles, Alles" stammelte Eduard, „daß ich gegen Deinen Willen Dein Haus verlassen, daß ich gegen Deinen Willen in das Geschäft meines Onkels getreten bin!" „Laß' uns weiter gehenbat Carl, „man könnte uns beobachten;" und langsam schritten sie dahin, der Vater in der Mitte seiner Söhne. „Daß Du gegen meinen Willen mein Haus verlassensprach er endlich „und gegen meinen Willen in das Geschäft Deines Onkels getreten bist, das verzeihe ich Dir aus ganzem vollen Herzen." „O Vater, wie soll ich Dir danken!" rief Eduard und des Ortes vergessend, wo sie sich befanden, ergriff er die Hand seines Vaters und wollte sie an seine Lippen ziehen. Doch der alte Grün hielt sie stramm abwärts und fuhr noch ernster fort: „Was Du gegen mich gefehlt, das kann ich Dir verzeihen und habe es Dir längst verziehen. Doch was Du durch Dein tägliches Leben gegen Gott, gegen Deinen Schöpfer fehlst, das zu verzeihen habe ich nicht die Macht. Aendere Dein Thun, bringe Dein Leben mit den Gesetzen, die Dir bekannt sind, wieder in Einklang und ich werde Dich segnen und wieder als meinen Sohn betrachten." Eduard war nicht im Stande, auf diese Worte seines Vaters sogleich zu erwiedern und schweigend schritten sie mehrere Minuten nebeneinander einher. „Vater," sprach er endlich mit gepreßter vibrirender Stimme, „wenn Du wußtest, wie sehnlich ich wünschte, Deinem Verlangen entsprechen zu können."