Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1878)
- Date
- 1878-02-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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186 im Jlldenthum; nicht allein mein Herz gehört dem Väterglauben, auch mein Kopf, mein Geist. Würde man mir das nehmen, was ich als mein Höchstes betrachte, was ich als mein kostbarstes Gut erkannt habe, wäre ich gezwungen, meinen Gott zu verleugnen, für den meine Väter geblutet haben, ich würde gebrochen fein, ich würde dahinsiechen und mit schuldbelastetem Kerzen sterben."" „Und Dein Vater und Dein Oheim, von de« nen Du sprichst, wie würden sie den Tod der geliebten Tochter und Nichte ertragen?" „„Sie würden mich lieber todt sehen denn abgefallen von der ewigen Wahrheit."" „Ist das auch Deine Ansicht, Salomon?" „„Nein, hohe Herrin,"" entgegnete der Angeredete, „„es ist das nicht meine Ansicht."" Erstaunt blickte Esther ihn an. „Und mein Verlobter," rief sie, „dem ich die Treue brechen soll, würde er nicht wünschen, daß ich eher sterben möchte, ehe ich das abtrünnige Weib eines Andern würde?" Rabbi Salomon wurde leichenblaß; er griff mit -er Hand nach seinem Herzen. „Erwähne dieses Verlobten nicht wieder, Kind," sagte die Sultanin, „wenn Dir sein Leben lieb ist. Wenn Sultan Mohammed wüßte, daß ein lebendiger Mensch zwischen ihm und seinen Wünschen steht, so würde dieser Mensch bald aufgehört haben zu athmen. Und nun entwickele Du Deine Ansicht, Solomon!" Der Angeredete hatte sich, während die Sultanin sprach, gefaßt. Er konnte jetzt ruhig antworten. „Hohe Herrin," sprach er, „der Fall, der mir hier zu beurtheilen vorliegt, ist ein äußerst schwierieger, und die Frage ist schwer zu beantworten. Es kann dabei nicht von dem, was wir wünschen," — er warf Esther einen vielsagenden Blick zu — ..die Rede sein, sondern die Frage muß nach den Normen des jüdischen Religionsgesetzes entschieden werden. Dasselbe lehrt allerdings, daß man den Tod dem Götzendienste vorziehen soll — allein, die Lehre Muhameds ist nicht Götzendienst; sie lehrt den einzigen Gott, den Schöpfer vom Himmel und Erde." „„Aber der Abfall vom ganzen Religionsgesetze,"" rief Esther, „„kömmt der nicht dem Götzendienste gleich?"" „Darüber," entgegnete Rabbi Salomon, „sind die Gesetzeslehrer nicht einig. Einige wollen aus dem Wortlaute, wie Maimonides di-se Vorschrift! gibt, folgern, daß das Sich-Losfagen von. dem ganzen Religionsgesetze allerdings dem Götzendienste gleichkomme; Andere sind anderer Ansicht, und da eS sich hier um Lebensgefahr handelt, so hat die Entscheidung zum Leichtern den Vorzug." „„Aber ich darf doch jedenfalls mein Leben hingeben, ehe ich sündige."" „Auch in Bezug darauf sind die Meinungen getheilt. Nach Maimonides darf der Jude nur in den Fällen den Tod wählen, in welchen das Religionsgesetz eS befiehlt; thut er es, wenn er auch nicht dazu verpflichtet ist, so begeht er Sünde." „„Und Schaul, der König Israel?" „Ob Schaul recht gethan oder nicht, darüber gehen ebenfalls die Meinungen auseinander. Und Dein Fall, Esther, liegt wieder anders. Man bedroht Dich nicht mit dem Tode. Kein Mensch will Dich tödten. Willst Du dennoch sterben, so mußt Du Dir selbst den Tod geben. Ob Dir das, nach den Vorschriften unserer heiligen Religion, unter den vorliegenden Verhältnissen gestattet ist, ist wenigstens zweifelhaft; und in solchen zweifelhaften Fällen gebietet das Gesetz, daß man unthätig bleiben und nicht thätig eingreifen soll. Auch das kömmt in Betracht, daß man Dich nicht einfach zwingen will, von Deinem Glauben zu lassen, sondern daß Derjenige, der es verlangt, dieses nur in seinem eigenen Interesse fordert, lehannaoth azmo. Und nun fällt noch eine Erwägung schwer in's Gewicht: das Wohl von hunderttausend Glaubensgenossen , die Du retten, beglücken oder in's Elend stoßen kannst. Dein freiwilliger Tod würde die Unglücklichen noch unglücklicher machen; Dein Leben würde sie der Ruhe, dem Frieden, der Sicherheit wiedergeben." „„Deine Worte klingen schön, Salomo, verlockend, bestrickend, und dennoch überzeugen sie mich nicht; ich fürchte, der Wunsch mich am Leben zu erhalten und die Glaubensgenossen zu retten, besticht Dein Urtheil. O, Gott, erleuchte Du mich und lehre mich, was ich thun soll!"" Ein Diener öffnete den Vorhang, und der Padischa trat ein. Salomo warf sich auf sein Antlitz zur Erde nieder; die Valide ging ihrem Sohne entgegen, verneigte sich und reichte ihm die Hand, bieder Sultan an seine Lippen führte. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaetion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schcn Hofbuchhandlung. I. Gottsleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).