Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1878)
- Date
- 1878-02-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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185 Besitzer des heiligen Werkes kein Jota mehr übrig geblieben sei. ÄbermaligeS Toben und Schreien, bis endlich Halil Ghanem die Tribüne besteigt und mit Vrrnunftgründen die aufgeregten Geister beruhigt. Man kam endlich soweit, daß di^pr türkische Geistlichkeit zugestand, . daß auch dieBibel und der Talmud schöne Lehren enthalten und diese beiden wür- » dig neben dem^Karon liegen können. Der Sieg blieb der lieveralen Partei, die in der Mehrzahl ist und daher ihre Beschlüsse meistens durch- ' bringen wird. Der Präsident aber hielt es für gut, für künftighin alle Diskussionen über die ver- * schiedenen Religionen im Parlamente zu verbieten. F t n i I I t t o «♦ Mher Wem. Eine historische Erzählung. VIII. „Mein Täubchen," sprach die Valide, indem sie sich auf den Divan niederließ und Esther zu sich hinzog. „siehe, der Mann, den ich Dir geschickt habe, ist ein Großer und Geehrter Deines Volkes; er ist Arzt und Staatsmann und auch in den Religionsschriften der Juden bewandert. Alle seine Brüder und auch die Rabbinen dieser Stadt verehren ihn; er ist stets der getreue Anwalt, Fürsprecher und Vertreter aller ihrer Angelegenheiten bei der hohen Pforte; schon manchem Juden hat er das Leben gerettet, Vielen ihr Eigenthum gegen die Eingriffe räuberischer Beamte geschützt. Du kaust überzeugt sein, was er zu thun Dir räth, ist nur das Gute, das Beste. Warum willst Du seinem Rathe nicht folgen?" „„Frage ihn, o Herrin,"" sagte Esther, „„ob es mir gestattet sei, den Glauben meiner Väter zu verlassen, der Religion meines Gottes untreu zu werden und zum Islam überzutreten?"" „Ob es Dir gestattet sei, mein Kind," entgegnete die Sultanin, „davon ist nicht die Rede. Freilich verbietet jede Religion den Uebertritt zu einer andern. Es handelt sich nur darum, daß Du das freiwillig und hingebungsvoll thust, was Du doch zu ändern nicht vermagst. Du sollst die Liebe des Padischa erwiedern, sollst ihm Freundin und Rathgeberiu werden, damit es uns gelinge, diesen bösen Ferhad, den Feind Deines Volkes, zu entfernen und dem irregeleiteten Herrscher bessere Räthe beizugesellen. Siehe, Kind, ich war einst in einer ähnlichen Lage wie Du. Das stolze Venedig, die Königin der Meere, ist meine Vaterstadt. Mein Vater war einer der ersten Männer jener Stadt, deren Bürger Könige nnd deren Kaufleute Fürsten sind. Er war Statthalter von Korfu und wäre vielleicht noch Doge geworden, hätte ihn nicht der Kummer um meinen Verlust in das frühe Grab gebracht; ich war sein einziges Kind, und meine Mutter war längst gestorben. Mein Vater konnte es nicht ertragen, in Korfu zu sein, während ich in Venedig weilte; er ließ mich Venedig verlassen, um zu ihm zu reisen. Das Schiff, auf welchem ich mich befand, wurde von Seeräubern gekapert, die mich nach Stambul brachten und in den Serail ablieferten. Auch ich war jung und schön wie Du, auch mir rühmte man große Anlagen des Geistes nach; und ich war als eine fromme Christin erzogen. Meinst Du, es wäre mir leicht geworden, Vaterland und Vaterhaus und Vaterglaube zu lassen; auf immer zu lassen, auf immer zu vergessen? Auch in Venedig stand mir eine große Zukunft bevor, und ich wäre vielleicht berufen gewesen, eine der ersten und einflußreichsten Frauen der geliebten Vaterstadt zu werden. O, prächtige Venetia, Königin der Meere, ich durfte Dich niemals Wiedersehen und werde Dich nimmer erblicken! Meinst Du, Esther, mir schlage das Herz nicht warm für Vaterland und Väterglaube, meinst Du, ick hätte mich nicht unsagbar danach gesehnt, meines Vaters Hand zu küssen und den Abend seines Lebens zu verschönen? Aber ich habe mich freiwillig in das gefügt, was Gottes Rathschluß über mich verhängt hatte. Folge meinem Beispiele, Kind; entrinnen kannst Du nicht; was könntest Du thun?" „„Ich kann sterben."" „Sterben? O, das wäre Schade um Deine Schönheit und Deine Jugend! Und meinst Du, daß Du daran recht thun würdest, hinzuwerfen all' die großen Gaben, die Dir Gott verliehen? Siehe, Gott gibt Dir Gelegenheit, alle diese großen Gaben auf's Schönste und Beste zum Wohle Deiner Mitmenschen, Deiner Glaubensgenossen zu verwerthen, die Freundin und Rathgeberin des mächtigsten Herrschers der Welt zu werden, ihn zu dem zu leiten, was gut und recht ist, ihn zu schützen vor Schmeichlern und schleckten Ralhgebern, ihn abzulenkrn von Krieg und Blutvergießen, ihn zu gewinnen für die Segnungen des Friedens! Und dünkt Dir solch' eine Aufgabe nicht groß und herrlich?" „„Nein, hohe Herrin! Verzeihe mir, wenn ich Dir widerspreche; aber mein Fall ist dem Deinigen nicht gleich. Du warst als Christin erzogen; aber, noch halb ein Kind, betrachtetest Du Deinen Glauben als etwas Ererbtes, Anerzogenes, das Du abstreifen konntest, da Gottes Rathschluß Dir andere Pflichten auferlegte. Anders ich. Vater und Oheim haben mich eingeführt nicht allein in den Glauben, auch in das Wissen. Meine Ueberzeugung wurzelt