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Der Israelit · 1878-02-20 · Heft 8 (20.2.1878) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 8 (20.2.1878)
Date
1878-02-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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181 mieden, die öffentliche Armenunterstützung zu begehren. Mit sehr wenigen Ausnahmen machen daher auch nur Greise und etwa Waisen ihre Unterstützungsberechtigung geltend. Unter den vorliegenden Verhältnissen aber gewiß keiner. Wie kann man beispielsweise einem Greise, der von frühester Jugend an die ihm vorgeschriebenen Ritualgesetze, welche in Bezug auf Speisen sehr rigoros sind, gewissenhaft befolgt, zumuthen, diese aufzugeben und dadurch sein Gewissen zu belasten, blos weil er unverschuldet in Armuth gerathen ist? In der Hoffnung, Ein hoher Reichstag werde unter Berücksichtigung des Vorgetragenen unsere Bitte hochgewogentlichst zu willfahren geneigen und die Regelung der jüdischen Armenpflege her> bciführen, verharren in größter Ehrerbietung. (Folgen die Unterschriften.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, IO. Febr. Wie die „Thorner Ztg." meldet, ist die Beschwerde der beiden jüdischen Geschwornen zu Strasburg (Westpr.), welche zu der Eröffnung des Schwurgerichts am 17. September in Thor» nicht erschienen waren, weil auf diesen Tag das Versöhnangsfest siel, und welche deßhalb in je 20 Mark Strafe genommen wurden, nunmehr auch vom Justiz-Minister abschlägig beschieden worden. Berlin, 14. Febr. Der Vorstand der hiesigen jüdischen Gemeinde hat an sämmtliche preußischen Gemeindevorstände eine Petition zur Unterschrift versendet, welche an den Reichskanzler gerichtet werden soll, und in welcher darauf gedrungen wird, daß bei dem Friedensschluß die Stellung der Juden in Rumänien geregelt werde. Schlüchtern. Wenn schon die ’csn den Tod wahrhaft frommer Männer als ebenso großen Verlust, wie Denjenigen, der uns durch die Zerstörung unseres Nationalheiligthums entstanden, bezeichnen, so haben wir in unserer Zeit, in welcher das onn d'D'3 ip' 'n -nn in so trauriger Weise zutreffend ist, doppelte Ursache, derartige Verluste tief zu empfinden. In der Nacht auf'vHN r"' verschied dahier nach dreitägigem Krankenlager in Folge eines Schlaganfalls Rabbi Pinchas Seelig im Alter von 63 Jahren, tief betrauert von allen denen, die das Glück hatten, diesen seltenen Mann zu kennen. Der. Verewigte beschäftigte sich schon in seiner frühesten Jugend mit dem Thorastudiurr und legte die Grundlage feines Wissens auf der damaligen Jeschibah zu Gelnhausen. Später widmete er sich dem Lehrerberufe und hat eine lange Reihe von Jahren in verschiedenen Gemeinden Kurhessens und Hessen- Darmstadts als Lehrer fungirt zur größten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten und wahrhaft verehrt von den betr. Gemeindemitgliedern, die in dem schwächlichen und unansehnlichen Manne den berufstreuen, gewissenhaften Lehrer, den wahrhaft frommen Jehudi und liedenswürdigen Menschen hochschätzten. Vor nunmehr zwanzig Jahren mußte Rabbi Pinchas Seelig, der schon als Kind nur mit Hilfe von Krücken gehen konnte, seinen Beruf als öffentlicher Lehrer aufgeben; da ihn ein langwieriges , schmerzhaftes Leiden ans Krankenbett fesselte und schließlich den Verlust eines Beines durch Amputation zur Folge hatte. Von dieser Zeit an konnte der Verblichene, da das ihm noch gebliebene Bein zu schwach war, sich nicht mehr selbstständig von der Stelle bewegen und mußte sich in einem Wägelchen fahren oder bei unebenen Wegen tragen lassen. Trotz dieses überaus traurigen Daseins, das dieser große Mann mehr als zwanzig Jahre auf diese Weise verbrachte, kam nie ein Wort der Klage wegen feines Schicksals über seine Lippen. Stets und zu jeder Zeit war er zufrieden und erheiterte sogar noch durch sein munteres Wesen seine Umgebung. Man muß den seltenen Mann gesehen haben in den Zeiten, wo die fürchterlichsten Schmerzen während der Krankheit vor der Amputation seines Beines ihn heimsuchten , wie er auch nicht einen Augenblick über sein Geschick mißmuthig wurde, sondern stets alle Leiden nam narwa ertrug und sich auch nicht einen Tag im Studium der heiligen Thora iid^ stören ließ, um sich einen Begriff von dem großen pnoa dieses frommen Mannes machen zu können. Zwanzig volle Jahre hat dieser wahrhafte Lehrer in Israel in seinem Wägelchen gesessen und in dieser Zeit eine große Anzahl von Jünglingen zu Lehrern und mm hdi^ herangebildet. Noch vier Tage vor seinem Tode war es uns vergönnt, den -rivi ujnp, welchen die hiesigen min ’ja viermal wöchentlich in der Wohnung des Verewigten frequentirten, gemeinschaftlich mit unserem Lehrer und Freunde zu lernen. Eben diese Liebe zur Thora war es auch, die den Verblichenen stets geistig frisch erhielt und ihn lehrte, sein Geschick mit staunenöwerthem Gottvertrauen zu ertragen. Allgemein und groß war die Betheiligung bei der mt» und wohnten derselben nicht allein sämmtliche Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde, sondern auch viele christlichen Mitbürger aus hiesiger

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