Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1878)
- Date
- 1878-02-13
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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171 Frankreich. Paris. Monatsbericht (Decembcr 1877) der „All. Jsr. Univ." (Fortsetzung.) Am Samstag den 25. Ab (4. Aug.) drangen die Bulgaren in den Hof der Synagoge und stießen Todesdrohungen gegen unsere unglücklichen Brüder aus, die ihren Befehlen getrotzt hatten; ihr Anführer war ein gewisser Simio, ein christlicher Diener, der in der Synagoge und in fast allen jüdischen Häusern von Kazanlik am Sabbat Feuer anmachte; dieser Elende, der bis jetzt Geld von den Judeu bekommen hatte, war der Erste, nicht blos sie zu mißhandeln, sondern auch sie zu denunciren. Einige Juden und darunter der Oderrabbiner konnten entfliehen und sich in den Speichern und Kellern ihrer Häusec verstecken; aber die im Hofe einherlaufenden Bulgaren bemächtigten sich derer, die mcht hatten entfliehen können, und trafen auf Angabe Simios der Reihe nach eine Auswahl, welche auf folgende Männer fiel: Samuel Caneti, Jacob Levy, Moses Catava, Bohor Joseph und Levy, die sie nach dem andern Ende der Stadt führten. Unterwegs wurden unsere armen Glaubensgenossen fortwährend mißhandelt; die Bulgaren suchten ihnen hierdurch Geld zu erpressen, da sie aber sahen, daß sip keins hatten, so tödteten sie, um sich zu rächen, einen Hund und zwangen die Juden, das Blut desselben zu trinken Der Mißhandlung müde, ließen sie dieselben sodann frei und behielten nur Samuel Caneti als Geißel zurück, damit bei der Familie desselben Schritte gethan würden, ihn durch ein Lösegeld zu befreien. Die isr. Frauen legten aus vollständigem Mangel an Geld alle ihre Schmucksachen ab, und unter den Juden wurde eine Collecte gemacht; die Bulgaren erhielten das Lösegeld, ließen aber dennoch ihren Gefangenen nicht los. In der Nacht von Samstag auf Sonntag suchten die Bulgaren durch allerlei Provocationcn neuen Conflüt mit den Juden herbeizuführen. Unter Anderem schickten sie einen kleinen Jungen ab, der, während die Juden in den Winkeln ihrer Häuser sich versteckt hielten, Pistolenschüsse gegen die Insassen abfeucrte; sie hofften, daß die Juden den kleinen Taugenichts, der sie belästigte, züchtigen und ihnen Gelegenheit geben würden, Repressalien gegen sie zu ergreifen; aber nichts dergleichen geschah; die Juden, besser unterrichtet, schenkten diesem jungen Banditen etwas Geld und hatten bald vor ihm Ruhe. Am 2\ Ab (Sonntag) bemächtigten sich die Bulgaren aller jüdischen Häuser, untersuchten alle Brunnen und durchstöberten alle Keller, um sich zu vergewissern, ob sich kein Geld darin befinde. Am anderen Tage, 27. Ab, waren die Juden in verzweifelter Lage'; sie besaßen nichts mehr und erwarteten nur noch den Tod, von dem sie ein entsetzliches Bild vor sich hatten in der Gestalt von elf der Ihrigen, welche bereits seit 48 Stunden als Leichen im Synagogenhofe dalagen. „In dieser schrecklichen Lage, sagte der Erzähler, beschlossen wir, nach Schipka zu gehen, um uns den Russen zu überliefern. An demselben Tage drangen die Bulgaren in das Haus des Oberrabbiners und bemächtigten sich seiner Enkeltochter Mazaltob, eines Mädchens von 17 Jahren, das sie in das bulgarische Stadtviertel schleppten mit der Erklärung, es nur gegen ein bedeutendes Lösegeld sreizugeben. Auch dieses Lösegeld wurde bezahlt, aber die Bulgaren schickten das junge Mädchen nicht zurück. Ebenso konnten wir nur durch Geld die Erlaubniß erlangen, die 11 jüdischen Leichen, die auf dem Synagogenhofe lagen, vor unserer Abreise zu bestatten; die Beerdigung fand auf dem Platze selbst statt. Und endlich konnten wir auch nur um den Pris von gleichen Opfern die Stadt verlassen und uns nach Schipka wenden." Nichts war schmerzlicher anzusehen, als diese Massen-Auswanderung aller dieser Familien, die von Allem, selbst von Kleidern entblößt waren und ihr Vermögen, ihre Häuser verließen, um der schrecklichen Verfolgung zu entfliehen. Es war herzzereißend, das Seufzen dieser Unglücklichen zu hören, die ihre Kinder fortfchleppten, um sie einem sichern Tode zu entziehen. Der Ab^ug nach Schipka fand um 9 Uhr (nach türkischer Zeitrechnung) statt. Unterwegs entdeckten die Auswanderer in einem Graben die Leiche des Samuel Caneti, der von den Bulgaren getödtet worden war. Die Zeit drängte, die Juden hatte Eile zu fliehen, der Leichnam unseres unglücklichen Glaubensgenossen mußte unbestattet bleiben. „Um 1 Uhr in der Nacht (türkisch) kamen wir vor Schipka an; wir mußten den Tagesanbruch abwarten." „Am 28. Ab gingen der Oberrabbiner und einige der Unserigen als Deputation zu den Russen, um sie von unserer Ankunft zu benachrichtigen und ihnen unsere Unterwerfung zu erklären In der Zwischenzeit jedoch. ehe v n dem russischen Generalstab eine Antwort eintraf, fanden sich einige Kosaken bei uns ein. welche 72 Männer unter uns ergriffen, von ihren Familien trennten und nach der Tiefe eines Hohlweges, wo der Bidjerali fließt, 2 Stunden weit von Schipka schleppten. Nachdem sie dieselben ihrer Kleider und des wenigen Geldes, das ihnen noch geblieben war, beraubt hatten, ließen sie sie in Reih und