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Der Israelit · 1878-02-13 · Heft 7 (13.2.1878) · page 22

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 7 (13.2.1878)
Date
1878-02-13
Page
– (sequence 22)
Language
German
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172 Glied treten, um sie sodann über die Klinge springen zu lassen. Diese abscheuliche Frevelthat hätte sicher stattgefunden, wenn nicht plötzlich 2 russische Reiter angekommen wären, die einen Befehl des Generals überbrachten, die Juden sofort zurückzubringen. Die Kosaken ergriffen bald die Flucht, und unsere Glaubensgenossen mußten nackt und baarfuß unter den gräßlichsten Leiden zu Fuß den weiten Weg zu ihren Familien zurückmachen, die inzwischen nach Schipka gebracht worden waren." Der russische General (in dieser Erzählung sind alle russischen Offiziere als Generale bezeichnet, offenbar ein Jrrthum oder eine Uebertreibunz in Folge der Aufregung der Zuschauer) gab Befehl, daß die Juden nach dem Hofe einer Kirche gebracht werden sollen; hier konnten sie sich, mit einem Vorrath von Brot und Wasser auf einige Tage versehen, hinlegen. „Es waren bereits 72 Stunden vergangen, seitdem wir nach Schipka gekommen, sagt einer der Flüchtlinge, als wir die Enkeltochter des Oberrabbiners ankommen sahen, die von den Bulgaren entehrt und in einem erbarmungswürdigen Krankheitszustande fortgeschickt worden war. und in dieser traurigen Lage waren die Angehörigen noch glücklich, sie wiederzusehen. Dreizehn Tage lang und eben so viele Nächte campirten wir auf diesem Hofe. Während der Dunkelheit schlichen sich bulgarische Soldaten in unser Lager, durchstreiften mit Todesdrohungen im Munde unsere Reihen und suchten sich beim schwachen Schein der bewegten Lichte diejenigen unserer jungen Mädchen aus, die ihnen gefielen und die sie gewaltsam nach Hause schleppten, ohne auf ihre Thränen oder ihre Seufzer Rücksicht zu nehmen; bei Tagesanbruch schickten sie dieselben ihren Eltern entehrt und beschimpft zurück. Diese Excesse dauerten so lange, bis jene Unglücklichen in eine der entsetzlichsten Krankheiten verfielen. (In der Anlage befindet sich eine die Namen dieser unglücklichen Mädchen enthaltende Ergänzungsliste.) Mit raffinirter Grausamkeit versperrten die Bulgaren die Thür des Hofes, in welchem sich Juden befanden, und diese Unglücklichen mußten einmal 24 Stunden ohne einen Tropfen Wasser bleiben. Es war wahrhaft schrecklich , zu hören, wie die Kinder bei brennender Hitze (wir waren im Hochsommer) ihre Eltern mit lautem Schreien baten. ihren Durst zu löschen, und zu sehen, wie unglücklich diese waren, sie nicht befriedigen zu können." „Gerade an diesem Tage feierte man in der Kirche, auf deren Hof wir versammelt waren, das Leichenbegängniß eines russischen Generals;" es war eine sehr zahlreiche russische und bulgarische Betheiligung, und das Seufzen unserer unglücklichen Brüder drang zu den Ohren einiger russischen Offiziere, welche die Thür des Hofes öffnen ließen. Wie groß war ihr Erstaunen beim Anblick dieser vom Durst verzehrten Unglücklichen! Sie ließen ihnen sofort Wasser bringen und knüpften an diese Hilfe, die sie brachten, nur die eine Bedingung, „daß diejenigen Frauen unter uns, welche nährten, ewigen in den Balkanpässen verlassen aufgefundenen bulgarischen Kindern die Brust reichen sollen." Diese Offiziere boten unseren unglücklichen Brüdern mancherlei Trost, indem sie ihnen versprachen, sie zu schützen, und indem sie sich mit Verwünschungen über die Bulgaren aussprachen, daß sie sich nicht gescheut haben, harmlose Menschen, die aus eigenem Antriebe ihre Unterwerfung erklärt hatten, so zu foltern; sie trieben ihre Aufmerksamkeit so weit, daß sie zu unserem Gebrauch 4 Kühe herbeiführen ließen." Während dieser Vorgänge verbreitete sich der Lärm, daß das türkische Heer sich Schipka nähere. Die Bulgaren zeigten sich nun sehr besorgt darüber, daß ihre Heldenthaten den Türken bei deren Rückkehr gemeldet werden, daß die Juden denselben erzählen könnten, welche Grausamkeiten sie von ihnen zu ertragen gehabt. Andererseits bemühte sich einer von den russischen Offizieren. der im Geheimen einem unserer Brüder zu wissen gethan hatte, daß er selbst Jude sei, mit allen Kräften, sie zu retten, und kam darauf sie nach Tirnova auf dem Wege von Gabrova zu dirigiren mit einer Escorte von bulgarischen Soldaten und einem Schreiben von seiner Hand an die dortigen Behörden, in welchem er erklärte, daß der Zug von Israeliten nichtein Gefangenenzugsei, sondern aus friedlichen Bürgern bestehe, welche frei und von selbst ihre Unterwerfung erklärt haben. „Leider aber begingen die, die Escorte bildenden Soldaten in Gemeinschaft mit anderen Bulgaren von abscheulicher Gesinnung die schrecklichsten Excesse gegen uns. Sie ließen uns erst langsam marschiren, so daß wir erst in der Nacht vor Gabrova ankamen, und hier hatte ihre Frechheit keine Grenzen mehr. Die nächtlichen Scenen von Schipka wiederholten sich, und unsere unglücklichen Töchter wurden auf freiem Felde Angesichts der ganzen Caravane noch einmal von jenen Unmenschen geschändet." (Fortsetzung folgt)

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