Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1878)
- Date
- 1878-02-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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158 rungen zu diesem Zwecke in diesem Schlosse genugsam getroffen sind." Sie winkte mit der Hand; ein Diener führte den jüdischen Arzt in eia anderes Gemach, hob den Vorhang und ließ Rabbi Salomo eintreten. Der Diener zog sich zurück. Rabbi Salomo war leise eingetreten, wie es sich ziemt im Palaste des Sultans. Er sah vor sich eine verschleierte Dame, die halb liegend, halb sitzend in einem Buche las und den Eintretenden nicht bemerkte. Rabbi Salomo erschrack; er fühlte einen schmerzhaften'Stich in seinem Herzen. Trotz des Schleiers hatte er die Dame, die sich weigerte, Sultanin Chaseki zu werden, erkannt; es war Esther, seine Esther. Trotz seiner großen Selbstbeherrschung konnte er einen Aufschrei des tiefsten Schmerzes nicht unterdrücken. Esther blickte auf; sie sprang in die Höhe und blieb, wie erstarrt, stehen. „„Im at chapheza bechajai al tedabri dabar, ki at mackereth othi,""*) sprach Rabbi Salomo mit leiser Stimme. Esther hatte ihn verstanden; sie faßte mit der Hand nach ihrem Herzen. Dann setzte sie sich. „Wer bist Du und was willst Du?" fragte sie nach einer Pause, in welcher Rabbi Salomo schweigend verharrt hatte. , „Ich bin ein Diener meiner hohen Herrin, der Sultanin Valide, und soll Dich bitten, dem Befehle meines allergnädigsten Herrn, des Padischa, zu gehorchen."" „Sage der Frau, die Dich geschickt hat, daß weder Du noch irgend ein Mensch im Stande ist, mich dazu zu veranlassen. Man soll mich zurücklenden in das Haus meines Vaters, aus dem man mich geraubt hat. oder man soll mich lödten. Esther Chiera wird nie ihren Glauben verleugnen. Esther Chiera entstammt einer Familie, in der man es schon vielfach verstanden hat. den Glauben der Väter mit dem Tode zu besiegeln und den Namen Gottes zu heiligen. Gehe, sage denen, die Dich geschickt haben: Esther Chiera will nicht Sultanin werden; sie wird die Treue nicht brechen dem, dem sie Treue gelobt hat. Der Bräutigam, dem sie sich freiwillig versprochen, wird ihr Gatte werden, kein Anderer." „„Hat man Dir gesagt, in welcher Gefahr die Israeliten von S'ambul schweben und daß Dir sie zu retten vermagst?"" *) Wenn Dir mein Leben lieb ist, so verrathe mit keinem Worte, daß Du mich bereits kennst. „Der Sultan selbst hat es mir gesagt. Gern würde ich mein Herzblut, mein Leben hingeben, um meine Glaubensgenossen zu retten. Niemals aber werde ich sündigen, auch nicht um Anderen Hilfe zu bringen." Esther, es sind 100.090 Söhne und Töchter Deines Volkes, die ins Elend wandern sollen; darunter schwache Greise und zarte Kinder, Schwache und Kranke. Sie werden dem Hunger, der Krankheit, dem Tode preisgegeben, und Du, Du kannst sie retten!"" „Du sprichst gut; ich merke, Du bist ein kluger, gelehrter Mann. Sprich Du, ist es dem Juden nach dem Gesetze Gottes gestattet, zu sündigen, damit Andern ein Vortheil erwachse?" „„Esther ist Dein Name. Warum willst Du nicht, wie einst die erste Deines Namens, dem Könige die Hand reichen, da er sie begehrt?"" „Du beantwortest mir meine Fra e nicht, weiser Mann, und umgehst sie, und was Du sagst, ist nicht zutreffend. Esther brauchte ihrem Gotte nicht untreu zu werden, Esther war noch keinem Andern verlobt." , „Diesmal irrst Du, höhe Herrin; unsere Weisen berichten, daß Esther dem Mordechai verlobt gewesen; sie war nicht allein die Pflegetochter ihres Vetters, sondern sie war auch bestimmt, sein Weib zu werden. Da trat der Befe'al des Königs zwischen sie, und Mordechai war hochherzig genug, die Liede feines Herzens zu ersticken und auf das ersehnte Weib zu verzichten, da Gott es so gefügt hatte. O, Esther Chiera, kannst Du Dir vorftellen, welch furchtbarer Schmerz in der Brust MordechaLs tobte, da er selbst das geliebte Weib auffordern mußte, zum Könige zu gehen und für daS bedrohte Haus Israel zu bitten, zum Könige, der ihm daS Weib seines Herzens hatte rauben lassen?"" Die Stlmme Salomos zitterte; er fühlte, dasi Thränen seine Augen füllten, zumal, da Esther in lautes Weinen ausbrach. Er betrachtete es als eine Erlösung, da sich der Vorhang hob und die Sultanin Valide in das Gemach eintrat. Esther sprang auf, eilte auf die Sultanin zu, warf sich ihr zu Füßen und umklammerte ihre Knie. Diese aber hob die Weinende auf, umarmte und küßte sie. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. Beranrwsuttche N-daction: Dr. Lehmann. — Setlag der Le Ro «x'schen Hosbuchhandlung. 3. Gott-leben'- Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).