Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1878)
- Date
- 1878-02-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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137 wachte und der Erbe. — Auch Bertha, seine Gattin, war vom Schlummer übermannt. Er war so eben in ihr Zimmer geschlichen, um sich von ihrem Befinden zu überzeugen und mit inniger Genugthuung gewahrte er, daß sie mit geschlossenen Augen, ruhig athmend da lag. Er neigte sich über sie, von Zeit zu Zeit entrang sich ein Schluchzen ihrer Brust, aber dennoch schlief sie. Den ganzen' Tag über waren ihre Thränen nicht versiegt, hatte ihr Schluchzen nicht nachgelassen, nun war sie vollständig erschöpft. Leise wie er gekommen, schlich Eduard zurück. Es war eine milde laue Sommernacht, er trat an das geöffnte Fenster. Die Nachtluft umfächelte kühlend seine brennende Stirn. Der Mond war eben aufgegangen und beleuchtete wie mit magischem Glanze die schöne freundliche Umgebung, das große stattliche Fabrikgebäude ihm gegenüber und die zahlreichen Nebengebäude und den herrlichen wohlgepflegten Garten, der vom Wohnhaus bis zur Fabrik sich erstreckte, dessen zahllose Blüthen süßen Duft emporsandten — und Alles war sein eigen. — Doch er empfand keine Freude bei diesem Gedanken , es war ihm ja Alles längst gesichert. — Er schien die Gegenstände um ihn kaum zu gewahren, sein Auge starrte in's Leere, seine Brust hob sich schwer. Das plötzliche Ableben seines Schwiegervaters hatte auch ihn schmerzlich erschüttert, denn auch er hatte den freundlichen, wohlwollenden Mann aufrichtig geliebt. Doch was in dieser Stunde das Herz so krampfhaft zusammenzog , das war der Gedanke an die Möglichkeit, daß auch sein Vater so Plötzlich abberufen werden könnte — sein Vater, den er so schwer gekränkt und dessen Verzeihung er noch immer nicht hatte erlangen können. — Und wenn er nun sterben sollte, ohne ihm verziehen zu haben — entsetzlicher Gedanke! — Er hatte es nimmer für möglich gehalten, daß sein guter milder Vater so schwer zu versöhnen sein werde; er hatte immer gehofft, daß wie so Viele, so auch sein Vater sich schließlich mit der vollendeten Thatsache aussöhnen werde. — Trügerische Hoffnung. — Seit jenem Sabbat, an dem er das Vaterhaus verlassen, hatte er dessen Schwelle nicht wieder überschritten, sein Vater hatte es ausdrücklich verboten. Vergebens hatte er sich bemüht, eine Unterredung mit ihm zu erlangen, vergebens den Bruder gedrängt, sich beim Vater für ihn zu verwenden. Carl hatte seinem Verlangen entsprochen, das wußte er; aber die Antwort des Vaters war stets dieselbe gewesen: „Möge Eduard religiös leben, so ist ihm verziehen, sonst nie — Ein Aechzen entrang sich der Brust des jungen Mannes, als er diese so oft empfangene Antwort sich auch jetzt vergegenwärtigte. Im Grunde seines Herzens war Eduard Grün nicht bös, dafür sprach wohl auch das brennende Verlangen nach Versöhnung mit seinem Vater, aber er war mißleitet. Wohl hatte er auch früher schon den Wunsch gehegt. der Aufforderung seines Onkels in sein Geschäft einzutreten und dereinst sein Nachfolger zu werden, entsprechen zu können; doch bevor er die nähere Bekanntschaft des Doktor G.. . gemacht, hatte er nicht einmal gewagt. diesen Wunsch zu äußern. Erst dem Einfluß des Doktor G.... war es Vorbehalten, seine Scrupel zu zerstreuen. Doktor G.... galt ihm als Autorität in dem, was er jüdische Theologie nannte. Denn hatte er auch selbst in seinen Knabenjahren gemeinschaftlich mit seinem Bruder die Quellen jüdischen Wissens studirt, so hatte er doch nie Freude an diesem Studium empfunden, hatte es nur, durch moralischen Zwang dazu gedrängt, betrieben, während Carl mit Liebe und Feuereifer lernte. Dahe* konnte ihm das seichte Wissen des hochwürdigen Doktor G.... imponiren, dessen vermittelnde , dem s. g. Zeitgeiste sich anschmiegende Auffassung religiöser Vorschriften. Er ward irre an der Berechtigung seines Vaters, von ihm zu verlangen, daß auch er aus dem Boden des gesetzestreuen Judenthums verharre; denn man glaubt ja so gern, was man wünscht. Er hatte zwar gewußt, daß es seinem Vater eine schmerzliche Kränkung sein werde, aber mit Zuversicht hatte er gehofft, daß der Vater sie mit der Zeit verschmerzen werde und den im Glück und Wohlstand Lebenden nicht umsonst um Versöhnung werde betteln lassen. Doch hierin hatte er sich getäuscht. Religiös sollte er leben um des Vaters Verzeihung zu erlangen — aber wie hätte er mit dem besten Willen auch nur daran denken können, dieses zu thun. Wie hätte er seiner Frau zumuthen können, einen den religiösen Anforderungen entsprechenden Haushalt zu führen, ihr, die von den religiösen Vorschriften des Judenthums gar keine Ahnung hatte. Und nun gar den Sabbat halten — hätte er vielleicht seine vierhundert Arbeiter wöchentlich zwei Tage feiern lassen sollen? Ob er es vielleicht am folgenden Tag einmal wagen sollte, persönlich den Vater um eine Unterredung zu bitten? — Beim Begräbnisse seines Schwagers konnte der alte Grün nicht fehlen, da konnte er einem Zusammentreffen mit seinem Sohne nicht ausweichen — sollte er es wagen, da zu ihm zu treten? — Ja, er wollte auch dieses versuchen, einmal mußte das Eis doch brechen, wähnte er. Mit diesem Entschlüsse zog er sich endlich vom Fenster zurück und suchte sein Lager auf. Der zum Begräbniß bestimmte Tag war an-