Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1878)
- Date
- 1878-02-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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134 „Was befehlen die Herrinnen zum Frühstücke?" fragte der Diener. „„Wo sind wir?"" rief Esther, ohne die Frage zu beantworten. „Mein Herr wird bald erscheinen und alle Fragen beantworten; ich darf nur reden, was mir zu reden aufgetragen wurde; saget mir also, was Ihr zu essen und zu trinken befehlet." „„Brod und Wasser,"" sagte Hanna. „Wollet Ihr nicht lieber Kuchen essen und warmen, gewürzten Wein trinken?" „„Nein,"" antwortete Hanna. Der Diener entfernte sich und brachte bald darauf Weißbrod und frisches Brunnenwasser. Eine halbe Stunde nachhef'trat Sinan Pascha in das Gemach. „Wer bist Du, Herr?" fragte Esther in türkischer Sprache. „„Ah,"" rief Sinan, „„Du sprichst meine Sprache? Das freuet mich um meinet- und um deinetwillen, schöne Herrin! Wahrlich, Du bist schön, schön wie die aufgehende Sonne. O, daß ich Dich wieder fortgeben muß, nachdem Du mein geworden!"" „Dein geworden? Bin ich etwa eine leibeigene Sklavin, die Du erkauft hast? Sprich, wie heißest Du? Daß Du ein schändlicher Räuber bist, weiß ich bereits." „„Wie schön der Zorn Dich kleidet! Glücklich der Mann, dem ich Dich übergeben werde."" „Du hast kein Recht, mich zu vergeben! O, Herr, habe Erbarmen, laß mich zurückkehren in meines Vaters Haus!" „«Ich habe Dich zu Besserem, zu Größerem bestimmt, Herrin. Du solst die Herrscherin dieses großen Reiches, Du sollst die Sultanin Chaseki werden. Sinan Pascha hat Dich in Besitz genommen, um Dich dem Padischa zu übergeben."" „Du bist Sinan, der noch vor kurzem als Großvezier an der Spitze dieses Reiches stand? Unglückliches Land, dessen Herrscher ein Räuber ist! Gesegnet sei der, welcher Dich Deines hohen Amtes, dessen Du so unwürdig bist, entsetzt hat." „„Ich werde bald wieder Großvezier sein, und Du bist der Preis, Schönste der Frauen, den ich für das hohe Amt zahlen werde. Und auch Du wirst mir's danken, daß Du durch mich die höchste Herrscherin auf Erden, die Herrin des größten Kaisers wirst!"" „Nimmermehr; ich werde Dich hassen, so lange ich lebe; es sei denn, daß Du mich meinem Vater wieder zu führst. O, habe Erbarmen, Herr! Siehe, ich sinke Dir zu Füßen, ich umklammere Deine Knie, ich flehe Dich an unter strömenden Thränen: Gib mir die Freiheit, gib mich meinem Vater wieder. O, mein Vater ist ein ehrwürdiger Greis, der nur Gutes und Edles thut, der nur wenig Freude genossen in seinem Leben, der seinen Vater auf dem Scheiterhaufen sterben sah, der als Verbannter aus der Heimath fliehen mußte! Und ich bin sein einziges Kind, das er mehr liebt als Alles auf der Welt. Er hat außer mir Niemanden, weder Weib, noch Sohn, noch Tochter. Nun sitzt er zu Hause und weint und klagt um mich, sein verlorenes Kind, und die Thränen rinnen in seinen weißen Bart, und Niemand ist da, der sie ihm trocknet. O, Hab' Erbarmen, Herr, gib mich frei, laß mich zurückkehren zu dem geliebten Vater, und . ich will Deinen Namen segnen und für Dich zu Gott beten, so lange ich lebe!" „„Stehe auf, schöne Herrin. Wie schön 3)uv zu sprechen weißt! Wie wird der Padischa Dich liebgewinnen! Du wirst die mächtigste Herrscherin werden. Dein Geist wird den Padischa zu Deinen Füßen bannen, mehr noch als Deine Schönheit'"" „Weißt Du nicht, Herr, daß Du durch meinen Raub ein großes Verbrechen begangen? Heißt es doch auch im Koran wie in unserer Thora: Wer einen Menschen stiehlt und ihn verkauft, der soll des Todes sterben! Fürchtest Du nicht Gottes strafende Hand?" , „«Sieh, wie gelehrt Du bist, schöne Herrin! Auch Deine Gelehrsamkeit wird Sultan Mohammed bewundern. Und Du, schöne Herrin, wirst wissen, daß es gestattet ist, dem Padischa jedes Weib zuzuführen, das seiner würdig ist, daß kein Vater das Recht hat, dem Sultan seine Tochter zu verweigern; deßhalb trockene Deine Thränen und bereite Dich zur Weiterfahrt nach Stambul. In wenigen Tagen wirst Du die Herrscherin des Serails sein; dann gedenke in Gnaden Deines treuen Dieners Sinan, dem Du dieses Glück verdanken wirst."" Er ging, sich verneigend, von dannen. Esther warf sich auf die Erde nieder und weinte laut. Es währte lange, bis es der treuen Hanna gelang, sie ein wenig zu beruhigen. (Forts, folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Rcdacüon: Lr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. H. Gottsleben'Z Vuchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).