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Der Israelit · 1878-02-06 · Heft 6 (6.2.1878) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 6 (6.2.1878)
Date
1878-02-06
Page
– (sequence 7)
Language
German
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133 eine weite Strecke zurückgelegt hatte, hielt der Wagen, und der Kutscher befreite dann die fast ohnmächtigen Mädchen von den Umhüllungen, die man im Augenblicke des Ueberfalls um ihre Köpfe geworfen. Esther gewann zuerst die Sprache wieder. „Hanna," rief sie, während der Wagen weilerfuhr, .was ist mit uns geschehen?" „„Ich weiß es nicht, Signorina,"" antwortete die treue Dienerin. „Meinst Du, daß man uns geraubt hat, um uns als Sclavinnen zu verkaufen?" „„Ach, das wäre schrecklich!"" „Und was könnte es sonst sein? O, mein armer Vater, mein bedauernswerther Oheim, wie werdet ihr vergeblich auf uns warten!" Sie brach in Thränen aus. Hanna schluchzte laut. Esther versuchte die Wagenthüre zu öffnen; cs gelang ihr nicht. Und wenn es ihr gelungen wäre — sie hätte dennoch nicht entfliehen können. Eine Eskorte von Bewaffneten folgte dem Wagen. Der Mond war aufgegangen und beleuchtete die im Frühlingsschmucke prangende Landschaft. „Weißt Du, was wir thun wollen?" fragte Esther. „„Was können wir thun?"" entgegnete Hanna. „Wir wollen das Abendgebet sprechen." „„Ich kann nicht auswendig beten. Statt der Antwort begann Esther laut zu beten; Hanna sprach die Worte leise nach. Als Esther an den Segensspruch kam, der mit den Worten beginnt: „Gib, o Gott, daß wir uns niederlegen zum Frieden und wieder aufstehen zum Leben und breite über uns aus die Hütte Deines Friedens und halte ab von uns jeden Feind," da fühlte sich Esther wunderbar gestärkt. Als sie das Gebet beendet hatte, sprach sie zu der noch immer weinenden Hanna: „Sei gutes Muthes, meine Hanna, wir sind überall in Gottes Hand. Er wird uns nimmer verlassen!" „„Und was wird Dein Bräutigam sagen, wenn er erfährt, daß Du verschwunden und für ihn verloren bist?"" Esther schwieg; auch sie begann auf's Neue zu weinen. Dann aber trocknete sie ihre Thränen und sprach: „Eine Ahnung sagt mir, daß ich ihn Wiedersehen werde, früher noch als Vater und Oheim. Weißt Du, Hanna, ich glaube nicht, daß man uns auf den Sclavenmarkt wird führen wollen; der Gewinn wäre zu gering im Vergleiche mit den großen Kosten, die der Raub nothwendig verursachen muß." „„Was aber könnte man sonst mit uns Vorhaben?"" „Was quälen wir uns mit Vermuthungen! Wir werden, fürchte ich, die Wahrheit nur zu früh erfahren. Komm, wir wollen das Nachtgebet sprechen." Und wiederum betete Esther laut, während Hanna jedes Wort leise nachsprach. Dann lehnte sich Esther zurück in die weichen Polster des Wagens und schlief ein; aber in Hanna's Augen kam kern Schlaf. „Glückliche Jugend," flüsterte sie vor sich hin, „die schlafen kann in so schrecklicher Lage! ArmeS, bedauernswerthes Kind! Irgend ein türkischer Großer, der von ihrer Schönheit gehört, hat sie rauben lassen für seinen Harem. Aber, wie ich sie kenne, wird sie lieber sterben, als dem Räuber zu Willen sein. Ja, sie wird sterben eines gewaltsamen Todes, und was soll mit mir werden? Mir wird nichts übrig bleiben, als mit ihr zu sterben' Doch nein, der Mensch weiß gar nicht, was er aushalten kann. Meinte ich nicht, ich müßte sterben, als ich die Nachricht erhielt, datz mein Abraham, mein Bräutigam, der als Markatender mit in den Krieg gezogen, von zwei Spahi's. mit denen er in Streit gerathen, erscklagen worden sei? Glaubte ich nicht damals, alles Glück und alle frohen Stunden seien auf immer für mich dahin 9 Dann fand ich ein Asyl im Hause des Rabbi und alle Liebe meines Herzens übertrug ich auf dies wunderbar schone und kluge, mutterlose Kind. Und wie viel Freude erblühte mir in der Zuneigung dieses herrlichen Mädchens! Und wie glücklich fühlte ich mich in ihrem Glücke! Und jetzt! Was soll aus der Aermsten werden? Möchte es doch Gott zum Guten wenden!" Und wieder und wieder flössen ihre Thränen, bis der Tag anbrach und die Morgenröthe die hohen Berge im Osten mit goldenen Wölkchen umkränzte. Der Wagen hielt mitten in einem Städtchen vor einem Gasthofe. Der Kutscher öffnete die Wagenthüre. „Habet die Güte, auszusteigcn!" rief er in den Wagen hinein. Esther fuhr aus dem Schlafe empor. „Wo bin ich?" fragte sie erstaunt. „Fürchte Dich nicht, mein Püppchen," sagte Hanna, „ich bin bei Dir." „„Meine gute Hanna!"" „Wir sollen aussteigen!" Die beiden Mädchen stiegen aus dem Wagen. Ein Diener führte sie in ein schmuckes Gemach. Dort fanden sie Waschwasser, schöne Kleider und allerlei Toilette - Gegenstände.

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