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Der Israelit · 1878-01-30 · Heft 5 (30.1.1878) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 5 (30.1.1878)
Date
1878-01-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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106 Die beiden Frauen setzten sich. „Beim Barte des Propheten," flüsterte der im Dickicht versteckte Sinan Pascha seinem Diener zu, „Du hast Recht! Dies ist das schönste Mädchen, das ich jemals gesehen habe. Was für eine wohllautende Sprache ist das, in der sie spricht?" „„Es ist spanisch, Herr,"" antwortete der Diener ebenso leise, „„diese Juden stammen aus Spanien, von wo sie sind vertrieben worden; sie haben die Sprache der Heimath beibehalten."" „Wohlan, schreiten wir schnell zur Ausführung unsres Planes. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Wir stürzen uns auf die beiden Frauen, ergreifen sie und tragen sie in's Schloß." „„Nicht doch, Herr, wir müssen bis morgen warten, zuvor alle Vorbereitungen treffen „Was morgen! Wer weiß, was bis morgen dazwischen kömmt. Komm, wir stürzen uns auf sie!" „„Ich beschwöre Dich, Herr, übereile nichts! Die Frauen werden schreien, und ihr Geschrei wird Leute herbeiziehen; der Raub wird bekannt werden; in Salonichi gibt es viele Juden; es würde einen ungeheuren Aufruhr geben; ehe Du mit dem Mädchen nach Stambul kämest, würde Ferhad davon erfahren und die günstige Gelegenheit benützen. Deinen Tod herbeizuführen. Morgen aber legst Du Bewaffnete in den Hinterhalt, welche die Mädchen ergreifen, sie durch Knebel am Schreien hindern; der Wagen steht dann in der Nähe bereit, und ehe noch die Gefangenen vermißt werden, sind wir mit ihnen unterwegs. Ich bitte Dich, Herr, bezähme Deinen Muth, damit nicht voreiliger Ungestüm den ganzen Plan vernichte."" „Du hast auch diesmal Recht, Hamid; wenn Alles gelungen, werde ich Dich reichlich belohnen." Unterdessen hatten die beiden Mädchen schweigend die Kühle des schönen Nachmittags genossen. „„Laß uns' aufbrechen,"" sprach Hanna, „..die Sonne ist untergegangen; zu Hause möchten Vater und Oheim ob unsres langen Ausbleibens besorgt sein." „Laß uns noch ein wenig bleiben! Siehe, wie die Abendröthe so schön, der Horizont bekränzt. Dort, im Westen, im fernen Deutschland, ist die Heimath meines Verlobten; dort lebt ihm eine treue Mutter, die er nach unsrer Vermählung in unser Haus nach Stambul zu führen gedenkt. Wie sehne ich mich danach, wieder ein MutterHerz mein eigen zu nennen. Zwar habe ich durch Dich, Du gute Hanna, die Mutter weniger entbehrt. Auch Du mußt mich nach Stambul b.'gleiten." „„Und wer soll dann für Deinen Vater und Deinem Oheim sorgen? Nein, mein Püppchen» Du wirst, an der Seite Deines Gatten, mich nicht entbehren. Doch jetzt, laß uns gehen; schon senkt sich der Abend herab."" Und sie gingen, nicht ahnend, welche Gefahr sie bedrohte. Am Nachmittage des darauffolgenden Tages hatte Hamid Alles zum Raube vorbereitet. Bewaffnete lauerten, im Dickicht verborgen, mit Kapuzen versehen, die sie den Frauen über dev Kopf werfen sollten, um sie am Schreien zu hindern. In der Nähe des Parkes stand ein Wagen bereit; Sinan Pascha war zur Abreise gerüstet. Allein die Bewaffneten warteten vergeblich. Zu Esther Chiera war ein Bote von ihrem Bräutigam gekommen, der ihr einen Brief überbrachte. Rabbi Salomon meldete in demselben seine glückliche Ankunft in Stambul uud die vergeblichen Schritte, die er zu Gunsten seiner Glaubensgenossen unternommen. Die Sultanin Valide war ganz ohne Einfluß auf ihren Sohn, der sich lediglich von seinem Großvezier Ferhad leiten ließ. Der Bote wollte schleunigst nach Stambul zurückkchren, und deßhalb mußte Esther ihren gewöhnlichen Abendspaziergang in den Park unterlassen, um dem Boten ein Antwortschreiben mitgeben zu können. Sinan Pascha war außer sich vor Wuth, und Hamid mußte seine ganze Beredsamkeit aufbieten, um seinen Herrn zu beruhigen und auf den andern Tag zu vertrösten. Aber auch am folgenden Tage erschienen die Mädchen nicht im Parke und auch an den dann kommenden Tagen nicht, denn es war das Purimfest herangekommen, und weder am Fasttage noch am Tage des Festes fand Esther Zeit zu einem Spaziergauge. Jeden Tag lagen die bewaffneten Diener Sinan's im Dickicht versteckt» bis endlich der Raub gelang. Esther und Hanna wurden ergriffen und in den bereitgehaltenen Wagen geschleppt, der dann eiligst von dannen fuhr. Sinan Pascha und sein Gefolge begaben sich zu Pferde auf den Weg nach Constantinopel. (Fortsetzung folgt.) Hierzu drei Beilagen. verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Voltrieben'» Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).

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