Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 5 (30.1.1878)
- Date
- 1878-01-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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101 Köpfe hat und als lebensfähig sich präsentirt, er» zählt hätte? ES ist in Ungarn und Siebenbürgen eine traurige Wahrheit geworden, daß das Judenthum, das bis jetzt, auch zerstreuet und zerstückelt unter den Nationen der Welt lebend, dennoch stets unter sich eine Kette bildete, der jeder Einzelne als Glied angehorte. was sich darin kund gab, daß da- Schicksal jedes Einzelnen, so in Leid wie in Freud, wie ein elektrischer Strom alle Glieder der Kette, in dessen Adern sich nur ein leiser PulSschlag für Juden und Judenthum regte, durchzuckte, weil eS in seinen religiösen Ansichten und Anschauungen, wie in seinem Denken und Fühlen, sich stets als ein einig einziges Volk manifestirte und wie ein Körper und ein Kopf war — jetzt dreiköpfig geworden ist: Orthodox, Neolog und StatuSquo! Zwar standen schon seit einem halben Jahrhundert der orth. Judenheit zwei auS dem eigenen Schooße hervorgegangene Parteien gegenüber; schon seit mehreren Decennien theilten sich die Feinde und Bekämpfer der Orthodoxie in zwei Gruppen. Von einer Gruppe sollte der Gewissenszwang gegen das orth. Judenthum unter dem Vorwände gehandhabt werden, um durch Befeiigung der jüdischen Gesetze und Gebräuche den Weg zu einer bessern Stellung der Juden im Staate anzubahnew indem sie den von den Feinden des jüdischen Stammes gegen dessen bürgerlichen Gleichstellung angeführten Grund: „Als gebe das Cermonielle ein Hinderniß dazu ab" nichtig machen wollten. Ach! welch schmählicher Vorwand ist dies! Dürfen wir denn materieller Interessen halber ein Jota unseres Glaubens opfern? Ist es denn nicht unser Glauben, der uns überaus beglückt, und um welchen wir unsäglich viel gelitten haben? Haben denn nicht unsere Vorfahren ihr Heimathland, ihre Selbstständigkeit aufgegeben, um nur ihr köstliches Gut, ihr erhabenstes Eigenthum, die Thora nämlich, zu retten und zu erhalten? Hätten unsere Vorfahren den Entschluß gefaßt, der Zeit Rechnung zu tragen, die Gesetze ihrer Thora den Zeitverhältnissen zu unterordnen, sie hätten sich alle Leiden erspart, — hätte es pber heute noch Juden gegeben? Die spanischen Scheiterhaufen vermochten nicht Israel zu zwingen, der Thora untreu zu werden; die Kreuzfahrer im finstern Mittelalter raubten, mordeten in Deutschland, Frankreich und England das ruhige und geduldige Volk Israels, wollten unt dem Wasser der Taufe das Gotteslicht auslöschen, — ist es ihnen gelungen? Wählten nicht lieber unsere Väter und Mütter Elend und Noth, oder gaben den Nacken dem Henkerbeil preis? Sollte es also diese Partei sei«, die materieller Interessen halber auf das orth. Judenthum einen Gewissenszwang ausüben will, um die Zerstörer und Zetrümmerer des JudenthumS, wie sich der Prophet ausdrückt4), zu sein? Aber das gegenwärtige zweite halbe Jahrhundert hat diese Gruppe stumm gemacht, da mit dessen Beginn eine bessere Aera für die Judenheit angebrochen. Die Gleichstellung aller Confessionen und Nationalitäten ist in Ungarn, wie in allen civilisirten Staaten, zum Gesetze erhoben, somit hat ihr Vorwand auch den Schein der Berechtigung verloren. „Man darf, sagte der CultuSminister im Mai 1868, dem Bürger im freien Staate in Gewissenssachen keinen Zwang anthun, möge derselbe nun zu welche* Confession immer gehören, seine kirchliche Autonomie muß respectirt werden." Der größte Ungar dieses Jahrhunderts, Franz Deak, seligen Andenkens, begnügte sich nicht mit der Emancipation der Confessionen und Kirchen allein, er dehnte die Gleichstellung auch auf die Sprache aus. Er sagte im Parlament am 24. Januar 1872: Wir müssen trachten, den Weg zur Bildung jedem zu erleichtern und daS geschieht nur. wenn wir eS jedermann ermöglichen, sich in seiner Sprache auszubilden." Die Worte der Edlen haben auch bei allen braven und gefühlvollen Ungarn mächtigen Widerhall gefunden, und seitdem ist das Gesetz: „In Kirche und Staat ein gleiches Recht für Alle," die erste Perle, welche die ungarische Krone schmückt. Wenn also noch heute diese FortschrittSfraction das orth. Judenthum bekämpfen, unterdrücken und schwächen will, so ist ihre MaSke ganz gefallen, fo ist sie unter die andere Gruppe, die ganz einfach von dem Materialismus, der leider unser Zeitalter charakterisirt — geleitet wird, verschmolzen und aufgegangen. Somit besteht das Judenthum in facto nur aus zwei Parteien: Orthodoxen und Neolvgen, und das Judenthum ist zweiköpfig! Zwischen diesen zwei Parteien handelt es sich nicht nur um Divergenzen im Rituale beim Gottesdienste, welche das Gepräge des national-jüdischen Charakters in sich haben und deren Erhaltung die Religiosität wie die Nationalität bedingt, sondern um Anerkennung und Nicht-Anerkennung eines das ganze Leben durchgreifend gestaltenden Grundsatzes! Dem orth. Juden ist das von seinen Vätern überkommene Judenthum — für welches es sich Jahrhunderte vom fanatisirten und rohen Pövel 4) Jsais 49. 17.