Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1878)
- Date
- 1878-01-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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„Aber beklage ich mich denn?" rief Emma mit überströmenden Augen, „ich bin ja zufrieden, bin ja glücklich, denn ich will ja nichts als die Liebe meines Mannes." „Genügsames Kind," spöttelte Caroline „und eine Liebe das, die nicht nur von der Observanz, die sogar von dem Glauben an alle den Firlefanz bedingt ist." Emma erglühte vor Zorn, hastig griff sie nach Hut und Mantelet, um das Haus der spöttelnden Schwester zu verlassen, doch diese hatte die höhnenden Worte schon bereut. „Verzeihung liebes Herz, es war nicht so bös gemeint. Du kennst ja meine lose Zunge." Und sie wußte so lange zu bitten und zu schmeicheln, bis Emma ihr verziehen hatte, und versöhnt mit der Schwester, doch mit sich selbst nicht ganz zufrieden, trat sie den Heimweg an. Es ist ein eigen Ding um das, was man Glück nennt; fragt man sich erst, ob man es besitzt, so nennt man es schon nicht mehr ganz sein eigen, und Emma hatte heute zum ersten Mal diese Frage an sich gestellt. Doch als sie heim kam und ihr holdes Kind die runden Aermchen ihr entgegenstreckte, da vergaß sie bei diesem lieblichen Anblick alle ihre Zweifel und Carolinens vermeintliches Glück. Bald kam auch ihr Gatte aus dem Comptoir, er traf die Mutter mit dem Kinde tändelnd und schlang den Arm um beide. Emma lehnte ihr Haupt an seine Brust. „Liebst Du mich Carl? Uebst Du mich wirklich?" Er drückte einen Kuß auf ihre Stirn. „Diese Frage, Emma! wenn ich glauben sollte, daß Du sie im Ernst an mich richtest!" Sie blickte lächelnd zu ihm auf und hielt daL Kind zu ihm empor, das sich jauchzend auf ihn warf. Doch die Unterredung mit der Schwester hatte ihren Stachel zurückgelassen; so leicht war sie nicht zu verwinden, trotz der Mühe, die sie sich gab, gelang es ihr nicht, ihre gewöhnliche Munterkeit auch heute zu bewahren. Der Abend schritt vor, besorgt hafteten Carls Blicke auf der umwölkten Stirn seiner Gattin. „Fühlst Du Dich unwohl?" „Nicht im mindesten." „Aber warum bist Du denn so schweigsam, so verstimmt?" „Ach, ich dachte nur an so manche unerfreuliche Dinge." Er schlang seinen Arm um sie und zog sie näher an sich. „Aber was sind denn das für so unerfreuliche Dinge, die mein kleines Frauchen so verstimmen können? Laff' mich sie wissen, Theure, Du weißt, ich habe eine Recht sie zu erfahren und dann, wer weiß, vielleicht vermöchte ich die unerfreulichen Dinge in erfreuliche umzuwandeln." „Das könntest Du in der That" flüsterte sie, indem sie sich fester an ihn schmiegte. „Wenn Du das weißt, so ist Dir doch schon geholfen, denn an meinen Willen zweifelst Du doch nicht. Also sprich." „Nein, nein" rief sie aufspringend, „es war nur ein Unsinn." „Das gebe ich nicht zu," erwiederte er lächelnd, indem er sie von Neuem an sich zog. „Du warst ernstlich verstimmt und hast behauptet, ich könnte die Ursache Deiner Verstimmung entfernen. Also mußt Du sie nennen." „Ach laß* mich, laß' mich, es war ja nur eia Scherz. Sieh', ich bin ja ganz heiter." Sie schaute lächelnd zu ihm auf, er blickte lange forschend in ihr schönes blaue- Auge, so forschend, daß sie zuletzt die Blicke niederschlug. „Jetzt bist Du nicht wahr gegen mich, Emma, Du verheimlichst mir etwas." „Herr Groß.Inquisitor," rief sie lachend und warf sich an seine Brust und suchte schäkernd und kosend seinen aufsteigenden Anmuth zu bannen — es gelang ihr nicht ganz. Die Zeit schritt vor, Emma hatte ihrem Gatten ein Töchterchen geschenkt und nun erst hielten sie ihr Glück für vollkommen. Die junge blühend schöne Mutter war auch schon wieder ganz hergestellt und war soeben zum ersten Mal in Begleitung ihrer Schwester auf ein Stündchen spazierengefahrev. Sie fühlte sich doch ein wenig erschöpft und verlangte nach Hause, aber Caroline drang so sehr in sie, sie möchte mit ihr hinaufkommen, sie habe sie so lange nicht besucht. Friedrich würde sich so sehr freuen, wenn auch sie alle die Herrlichkeiten bewundern würde, mit denen er erst am vorigen Tage seine Gattin überrascht hatte, daß sie endlich nach gab und an Carolinens Arm die breiten Marmorstiegen hinanschritt, die zu deren Gemächern führten. Sie hatte jedoch ihren Kräften zu viel zugemuthet, kaum war sie in's Zimmer getreten, als ein Schwindel sie erfaßte. Angstvoll bemühte sich Caroline um sie, sie machte sich nun selbst Vorwürfe, daß sie sie heraufgeführt,. aber nun müsse sie sich auch bei ihr erst vollständig wieder erholen, müsse etwas Kräftigendes nehmen. Ein Glas Madeira, oder bester noch eine Taste Bouillon. Mit mattem Lächeln lehnte Emma ab, sie