Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1878)
- Date
- 1878-01-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Frankreich. Bordeaux. Den 9. Januar fand in Gegenwart des Oberrabbinen und mehrerer Notabeln der Gemeinde die Aufnahme in den Abrahams- Bund eines 27 Jahre alten Manne« statt. Von einer israel. Familie abstammend, hatten ernste Umstände den jungen Mann bis jetzt gehindert, dieje wichtige Pflicht zu erfüllen. Herr Obercantor Castro hat den Act mit großer Geschicklichkeit vollzogen. (Un. Jsr.) Feuilleton. Lsther Wem. Eine historische Erzählung. IV. Rabbi Salomon Aschkenasi saß in dem Zimmer eines Gasthofes in Salonichi und überlas den Brief, den er an seine in Dettingen in Deutschland wohnende Mutter geschrieben. Der Brief lautete: „Mein innig und heiß geliebte Mutter! „Heute schreibe ich Dir von Salonichi aus, wohin ich gereist bin, um einen von Dir lange gehegten Wunsch zur Ausführung zu bringen. Du darfst mir Glück wünschen, geliebte Mutter, seit gestern bin ich ein glücklicher Bräutigam. Die Auserwählte meines Herzens heißt Esther Chiera; sie ist die Tochter des hiesigen Rabbinen und stammt aus einer hervorragenden sephardischen Familie. Nun bist Du gewiß neugierig, mein liebes Mütterchen , Näheres über die zukünftige Frau Deines einzigen Sohnes zu erfahren. Äber ich bin in Verlegenheit, wie ich Dir Alles mittheilen soll, ohne daß Du mich als einen Verliebten der Uebertreibung zeihst. Du weißt, meine Mutter, daß ich eine Frau gesucht habe, die Dir, wenn auch nicht an Gestalt und Gesichlsbildung, doch an Bildung des Herzens und des Geistes einigermaßen ähnlich. Du, die einzige Tochter eines talmud-gelehrten Arztes und später die Gemahlin eines solchen, bist so ganz anders wie die große Menge der meist ungebildeten Frauen, daß ich mich nimmer entschließen konnte, aus dieser großen Menge mir eine zu erkiesen. Endlich habe ich das Ideal gefunden, das mir stets vorschwebte. Esther hat von Vater und Oheim eine ganz ungewöhnliche Bildung erhalten. Sie wird nicht nur mein Weib, sie wird meine Gefährtin sein in meinem medicinischen wie in meinem diplomatischen Berufe. WaS nun ihr AeußereS betrifft, so bitte ich Dich, mich nicht der Uebertreibung zu beschuldigen, wenn ich Dir sage, daß sie vielleicht die schönste ihres Geschlechtes ist. Ich habe viele schöne und vornehme Frauen gesehen, im Dogenpalaste zu Venedig und anderswo, aber keine kömmt an Schönheit. Liebreiz und Anmuth meiner Esther gleich. Du lächelst, geliebte Mutter! Nun, Du wirst Dich hoffentlich bald selbst überzeugen, daß ich eher zu wenig als zu viel gesagt habe; denn, wann erst eine Hausfrau in meinem Hause waltet, dann wirst auch Du zu mir ziehen nach Constantinopel. So theuer Dir die deutsche Heimath auch sein mag, ich schmeichele mir, daß Dir Dein einziger Sohn dennoch lieber ist. So bereite Dich denn zur Abreise vor. Sobald ich Nachricht habe, daß Du i« die Erfüllung meines Wunsches willigest, komme ich zu Dir nach Oettigen, besuche noch einmal das Grab meines Vaters, sein Andenken sei zum Segen, und führe Dich dann nach dem schönen, sonnigen Stambul in das Haus Deines sich unendlich nach Dir sehnenden Sohnes. Meine holde Braut sendet Dir die herzlichsten Grüße und bittet um Deinen Segen. Auch ihr Vater, Rabbi Amrum Mordachai, und ihr Oheim, der Arzt Don Rüben, haben mich ersucht, Dir ihre herzlichen Glückwünsche mitzutheilen. Wann wird dieser Brief in Deine Hände gelangen und wann werde ich Antwort erhalten? Nie empfindet man die großen Entfernungen so sehr, wie wenn das Herz voll ist bis zum Ueberfließen. Wie gern möchte jetzt in Deine Arme eilen Dein Dich innigliebender Salomo." Salonichi, am 3. Ador des Jahres 5455. Rabbi Salomo faltete den Brief, nachdem er ihn überlesen, und sprach zu sich selber: „Ich werde ihn erst meiner holden Esther vorlesen; dann werde ich ihn mit nach Constantinopel nehmen, um ihn durch die Kaiserlich-Deutsche Gesandtschaft befördern zu lassen." Es klopfte Jemand an die Thüre des Zimmers; Rabbi Salomo öffnete die verschlossene Thüre und fuhr entsetzt zurück. „Abieser, mein treuer Diener," rief er, „warum hast Du mein Dir zur Hut übergebenes Haus in Stambul verlassen, und welche traurige Botschaft verheißt mir Deine trübe Miene?" „,,O, Herr, es hat sich Schlimmes ereignet in Stambul,"" meldete der Diener, in das Zimmer tretend. „„Sultan Murad ist todt und Sultan Mohammed hat den Thron seiner Väter bestiegen."" „Nun, was ist da Schlimmes? So ist meine