Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1878)
- Date
- 1878-01-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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58 selben hätte er sich in den verödeten Räumen doch sehr einsam gefühlt, denn Carl konnte nicht daran denken, seine junge Frau in die einfache Wohnung seines Vaters zu führen. Wohl hätte Emma auch hiergegen nichts eingewendet, doch er wußte es, sie war zu sehr verwöhnt durch das luxuriöse Leben im Hause ihrer Eltern; eS hätte ihr ein Opfer sein müssen, und Opfer wollte er ihr nicht auferlegen. Hatte er doch keine Ahnung, daß sie unaufhörlich ihm Opfer brachte, daß ihre ganze zur Schau getragene Religiösität nur Opfer gegen ihn. Glücklich lebte er in dem Glauben, daß sein religiöser Lebenswandel mit Veranlassung gewesen, ihm ihre Liebe zu erwerben und hatte keine Ahnung, daß einzig und allein ihre Liebe Veranlassung zu ihrem religiösen Lebenswandel. Wie hatte er auch zweifeln können, wenn sie über die verschiedenartigsten Dinge sich seine Belehrung erbat und sich glücklich pries, iu ihm einen Mann zu besitzen, der das glühende Verlangen ihres Herzens, immer das Rechte zu thnn, so sehr billigte. So verging das erste Jahr ihrer Ehe; kein Schatten hatte das reinste Glück getrübt, gegen Ende desselben ward es wo möglich noch höher, als ihnen das erste Söhnchen geboren ward. Auch von Seiten der Schwiegereltern erfreute sich Carl der aufrichtigsten Achtung und Liebe. Ihre zweite Tochter Caroline hatte sich nun ebenfalls vermählt. Einer der ersten Finanzmänner der Residenz war in glühender Leidenschaft für sie entbrannt und wenn sie auch die Neigung des in Jahren bereits vorgerückten Mannes nicht erwiedern konnte, so war sie doch weltklug genug, die Vortheile einer derartigen Verbindung zu erkennen, und leichten Herzens willigte sie ein. Emma hatte sich verpflichtet gefühlt, die Schwester daran z» mahnen, daß sie in einer derartigen Verbindung auf ein Glück, wie sie selbst es empfand, nimmer werde rechnen können. Doch Caroline ihr gewöhnliches spöttelndes Lächeln auf den Lippen, hatte sie umarmt und ihre Besorgnisse hinweg gescherzt. Es war ja auch in der That keine gegründete Ursache zu Besorgniß vorhanden, Carolinens Charakter und Anschauungsweise genügte das ihr bevorstehende Glück vollkommen, sie wollte das Leben genießen und glänzen, wollte bewundert werden wegen ihrer Schönheit, wegen ihres Geistes und wegen der Pracht, mit der sie sich zu umgeben beabsichtigt. Und zu dem Allen boten ihr die Verhältnisse und die Leidenschaft des Mannes, der ihre Hand verlangte, das reichste Material. Dennoch berührte sie die so wohlgemeinte Warnung der Schwester unangenehm und in ihr regte sich der Gedanke, gelegentlich einmal zu erforschen, auf welchem Grund denn eigentlich Emma's gepriesenes Glück sich befand. Vorläufig gebracht an Zeit, doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Heimgekehrt von ihrer Hochzeitsreise, in dem stolzen Palais ihres Gatteu umgab sie sich mit alle dem Glanze und der Pracht, mit der seine Zärtlichkeit sie überschüttete. Herr und Frau Weigert waren nicht wenig stolz auf die hohe Stellung, die ihre Tochter in der Gesellschaft einnahm; sie p.iesen sich glücklich, ihre Kinder so gut „versorgt" zu haben und jede, wie sie es beanspruchten, jede in ihrer Art. Auch Emma konnte ihre Bewunderung nicht verhehlen, wenn sie die Pcachtgemächerihrer Schwester durchschritt und alle die Herrlichkeiten anstaunte, die der Kunstsinn ihres Schwagers hier anhäufte. Und wenn Caroline ihr dann von ihren Reisen erzählte, von alle den vornehmen und interessanten Bekanntschaften, die sie gemacht, von allen den Freuden und Genüssen, die ihr Gatte ihr bereitet, da erwachte auch in ihr zum ersten Mal der Gedanke, daß auch ihr Gatte ihr wohl mehr Genüsse bieten könne. Carolinens scharfen Blick entging die Wolke nicht auf der glatten Stirn ihrer Schwester; und rasch bereit, die erste Fünkchen des UnmutheS anzufachen, fuhr sie fort: .Du mußt auch einmal reifen, @mma, mußt die Welt und ihre Freuden kennen lernen. Carl ist Dir das schuldig, nach alle den Opfern, die Du ihm gebracht hast und tagtäglich bringst." „Sprich doch nicht von Opfern, Caroline. Wenn man liebt — „Wenn man liebt," wiederholte Caroline und kräuselte die Lippen; „es ist wohl ganz schön, zu lieben und sicher auch ganz angenehm, aber wenn ich mir's genau überlege, in gewisser Beziehung ist es doch weit angenehmer, geliebt zu werden." „Und werde ich nicht geliebt?" rief Emma erglühend, „liebt Carl mich nicht?" Caroline zuckte die Achseln. „Das mußt Du selbst am besten wissen, darüber kann ich mir kein Urtheil Zutrauen. - Freilich, wenn ich nach dem Schein urtheilen sollte .... —" „Nun, scheint Carl vielleicht mich nicht zu lieben?" „DaS habe ich nicht gesagt und möchte es auch nicht behaupten. Doch es hat allerdings den Anschein, als ob Du ihn weit mehr liebst, a!S er Dich." „Das ist nicht wahr!" rief Emma zornig, „Carl liebt mich wie nur je ein Mann seine Frau geliebt hat, mit aller Gluth seines edlen großen Herzens."