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Der Israelit · 1878-01-16 · Heft 3 (16.1.1878) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 3 (16.1.1878)
Date
1878-01-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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56 durchmischter Milch, schwein- und rindssettdurch- | kneteter Butter, mit Glycerin, Pumpelnuß, Cassiaj Wurzel, Herbstzeitlose u. s. w. verfälschtem und vergiftetem Biere, mit Schwerspath, Ziegel- und Eichelmehl gemischter Chocolade u. s. w. so viel wir wissen, nur christliche Contravenienten ergeben haben, oder daß nur christliche Oekonomen und Metzger eS waren, welche in Wurzen, Zeitz und Nordhausen ihren Mitbürgern das Fleisch kranken und krepirten Viehes verkauft und viele dadurch zum Tode gebracht haben, wenn wir aus diesem Umstande, sage ich, Anlaß zu einem solchen Allge-. meinurtheile nehmen und sagen wollten, die Christen betrügen und vergiften ihre Nebenmenschen durch verfälschte und schädliche Nahrungsmittel? Würde man nicht darob ein Zetergeschrei erheben und Polizei und Staatsanwaltschaft zur Hilfe aufrufen? Und das mit Recht! Solche Schablonenurtheile sind stets unwahr und in belastenden Fällen, ungerecht und lieblos. Es ist weder eine Volks-, noch Glaubensgemeinschaft im Besitze des Tugend¬ oder des Lastermonopols. Die Befähigung zur Tugend und zum Laster macht die Eigentümlichkeit der allgemeinen Menschennatur aus. In der stärkern oder schwächeren Ausprägung der einen oder der andern Richtung im Menschen besteht die Verchiedenheit der Charaktere unter den Menschen. Aus diesen verschiedenen Charakteren, setzt sich das bunte Mosaikbild der menschlichen Gesellschaft zusammen, zu welchem alle cultivirten Volksstämme und Glapbensgenossenschaften in verhältnismäßig ziemlich gleichmäßiger Vertheilung die Einsatzsteine liefern. Nachweisbare und unachweisbare Cultureinflüsse mögen immerhin hier oder dort einige Verschiedenheit in den Farbenschatlirungen bewirken und sich unterscheidende Nuancen zu Tage fördern; im großen Ganzen aber bleibt das Verhältniß gleich. Es ist eitle Lüge, menschliche Vollkommenheit oder Fehlerhaftigkeit dem einen oder dem andern Theile vorzugsweise zuzuschreiben. Hüten wir uns, in den Äugen unseres Gegenüber stets Splitter sehen zu wollen, während der dicke, große Balken im eigenen Auge unbeachtet bleibt. Sie sollten daher, weither Herr Bauernfreund, wohl bedenken, daß es nicht blos jüdische Wucherer und sogenannte Halsabschneider gibt, sondern daß auch von Seiten der Ihrigen sich Viele dieser edlen Beschäftigung hingeben, was Sie ja auch selbst zugestehen, aber dennoch nur die ..Juden"- in ihrer Gesammtheit als die alleinigen Sünder hinstellen Es ließen sich auch im Großh. Weimar eine recht erkleckliche Zahl Christen nennen, welche zum Theil gewerbsmäßig, zum Theil gelegentlich, Wuchergeschäfte der ärgsten Art treiben, einige vor und andere nur hinter den Coulissen. Aber, natürlich! Was ein Christ thut, das hat eben der Hans, oder der Peter gethan; was aber ein Jude thut, das sind jedesmal „die Juden" gewesen. Das ist von jeher Ihr und Ihres Gelichters Art und Weise der Rechtsprechung gegen uns! Der geehrte „Bauernfreund" will uns ferner die Ehre zuweisen, die Erfinder des Wuchers zu sein. Wir weisen diese Ehre aufs Entschiedenste von uns. Man versagt so vielem Guten und Nützlichen. das die Juden der Menschheit schon geleistet haben und noch leisten, stets so hartnäckig die Änerkennung; man hat sie sogar von Seiten der Christen selbst die Entstehung des aus ihrem sder Juden) Schooße hervorgegangenen Christenthums so schwer, schwerer als das ärgste Verbrechen, büßen lassen, ohne sich erinnern zu wollen, daß sie das Heil, dessen jene doch hierdurch theilhaftiq geworden zu sein glauben, durch die Juden erlangt haben, daß wir me Freundlichkeit, uns die Priorität der Wuchererfindung zuzuschreiben, zu acceptiren uns nicht veranlaßt fühlen können. Das Wucherübel ist sicher so alt, wie die menschliche Gesellschaft selbst, und hätte der Verfasser Geschichte ftadirt, so müßte er wissen, daß im alten Rom die Bewucherung des Volkes schon arge Calamitäten hervorgerufen hat, bevor Rom noch einen Juden gesehen hatte. Wenn der„Bauernfreund" ferner sagt: „Was die Ansichten der Juden über „Mein" und „Dein" angeht, so wollen wir nicht darüber rechten," so thut er sehr wohl daran. Die Eigenthumsbegriffe der Juden können jeden anzustellenden Vergleich sehr wohl aushalten. Der Verfasser hat seine Schwäche hier wohl gefühlt, daß er so schnell über diesen Punkt hinweggeht. Oder sollte wirklich nicht blos die Liebe, sondern auch der Haß blind machen? Um sich über diesen Klarheit zu verschaffen, hat er wirklich nicht nöthig, die Criminalstatistik zu studiren oder in den Polizeibureaux Nachforschungen anzustellen; der dümmste seiner Bauern würde ihm sagen können, daß die Zahl derer, welche sich unberechtige Eingriffe in das Eigenthum Anderer erlauben, sich nur zum allergeringsten Theile aus den Juden recrutiren. Ehe der „Bauernfreund" sich auf Rohling's „Talmudjuden" beruft, hätte er auch die gegen dieses Machwerk erschienenen Entgegnungen studiren sollen, z. B. die des Landrabbinen Herrn Dr. Kroner in Stadtlengsfeld. Hier hätte er erfahren können, daß Rohling den Talmud gar nicht kennt und gefälschte und aus dem Zusammenhänge gerissene Stellen von Andern abgeschrieben hat. Außerdem möchte ich ihm rathen, die alten Kirchenväter zu studiren, und er wird hier das, was

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