Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1878)
- Date
- 1878-01-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XIX. Jahrgang. Erste KeUage zu Ar. 3 -es Israelit. Zeitungsnachrichten und Gorrefpondenzen. Deutschland. Aus Thüringen In einem früheren Artikel habe ich mich über die Unannehmlichkeiten und Gefahren ausgesprochen, welche die leidige Wucher- und Wechselfreiheit uns dadurch zu bereiten geeignet ist und auch wirklich bereitet, daß manche Israeliten diese Freiheit in der schrecklichsten Weise auSnützen. Ich habe damals constatirt, daß sich durch diesen beklagens-, ja verdammenswerthesten Mißbrauch der betreffenden in ganz andern Voraussetzungen erlassenen Gesetze Seitens einiger unserer Glaubensgenossen auch in dem sonst so rischusfreien Thüringen hier und da Rischus zu regen beginne. Leider kann ich jetzt nur einen Fortschritt in den unliebsamen, aber unter den bewandten Umstanden sehr natürlichen Rischuserscheinungen berichten. Ich nenne diese Rischuserscheinungen natürlich, weil die Andersgläubigen es sich nun einmal schon längst zur Gewohnheit gemacht haben, Vergehungen und unmoralisches Verhalten Einzelner unter uns der Gesammtheit als Makel anzurechnen und die Fehler des Individuums, sofern dieser ein Jsraelite ist, auf die Gesammtcorporation zu übertragen. Das n: bD nrt „Ganz Israel steht in solidarischem Bürgschaftsverhältnisse unter einander" ist leider! in dieser Hinsicht eine traurige Wahrheit geworden. Beweis dafür, wenn es eines solchen noch bedürfte, liefert ein vor Kurzem im Verlage der Germania in Berlin erschienenes Brochürchen: „Wucherjude und Porschußverein, oder: Wo borgt man am Besten? Von einem Bauernfreund im Eisenacher Oberlande," Separatabdruck aus dem „Schwarzen Blatte", welches Schriftchen in Thüringen gratis vertheilt wird. Die Officin, aus welcher das Pamphlet hervorgegangen ist, läßt schon auf eine gute Dosts Rischus schließen. In der That strotzt es auch von Judenhaß und schreckt vor keiner Behauptung zurück, welche die Gesammtjudenheit als den gefährlichen Drachen, der Alles zu verschlingen droht, zu kennzeichnen geeignet ist. Sehen wir uns das Machwerk etwas genauer - an. Nachdem der Verfasser auf Rohlinq's „Talmudjuden" kurz Bezug genommen, über österreichische Verhältnisse berichtet, Bismark und die Kreuzzeitung für seine Anklagen ins Feld geführt hat, knüpft er an ein Referat der „Weimar'schen Zeitung" an und macht einige Israeliten aus einem Städtchen des Großh. Weimar namhaft, welche er besonders des argen Wuchers bezüchtigt. Er belegt diese seine Anschuldigung durch mehrere, von den Angeschuldigten herrührende Schuldscheine, welche er wörtlich samwt Namen und Datum in dem Schriftchen mittheilt. Die Wahrheit des hier Mitgetheilten vorausgesetzt, können wir diese letztere Behandlung der Sache nur billigen. Eine solche Geschäftsweise ist verabscheuenswerth. Wer die Noth und das Geldbedürfniß Anderer auf so sündhafte Weise ausbeutet, verdient es, an den Schandpranger der Oeffentlichkeit gestellt zu werden. Wir könnten für diese Behandlungsweise Seitens.des Verfassers im allgemeinen und in unferm besonderen Interesse nur dankbar sein, wenn derselbe sich nicht zugleich berechtigt glaubte, die sämmtlichen Juden für dieses schändliche Wuchertreiben verantwortlich zu machen, sie, wie man zu sagen pflegt, Alle mit einer Seife zu waschen und sich zu der Rather» theilnng an den Bauer zu versteigen: „Verschließe Deine Thüre den Juden!" --- Der „Bauernfreuud" hat bei seiner Agitation speziell das Großherzogthum Weimar im Auge. Die Seelenzahl der in diesem Ländchen wohnenden Juden beziffert sich auf 11—1200. Er ist aber nur im Stande 4 Juden namhaft zu machen, welche das unsaubere Wuchergeschäft betreiben. Wir wollen zugeben, daß sich noch 6—8 dergleichen Subjekte isr. Religion im Großh. Weimar befinden. Ist es der Gerechtigkeit entsprechend, ist es des Bekenners einer Religion, die sich so gern vorzugsweise „Religion der Liebe" nennt, würdig, 10—12 Unwürdiger halben 1100 Menschen, welche unbescholtenen Wandels sind, sich auf redliche Weise ernähren, der allgemeinen Achtung in hohem Grade theilhaftige Mitglieder zu den Ihrigen zählen, und von denen viele eine sehr gemeinnützige Thätigkeit entfalten, mit falschen Anschuldigungen zu überschütten, sie der öffentlichen Verachtung preisgeben und den Volkshaß gegen sie aufstacheln zu wollen? Der Ausspruch des weisen Hillel: „Was Du nicht willst, daß es Dir geschehe, das thue Du auch einem Andern nicht!" ist auch in das sogenannte neue Testament übergegangen und muß darum auch den Christen zur Richtschnur ihres Handelns dienen. Wie würde es diesen aber gefallen, wenn wir aus dem Umstande, daß die gesundheitsamtlichen Befunde von wasserverdünnter und kalk-