Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1878-01-16 · Heft 3 (16.1.1878) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 3 (16.1.1878)
Date
1878-01-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447747-2447751--14500-2470412
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

seine Ansicht aus dem heiligen Soharbuch nnd aus andern Schriften, daß das Herz der Sitz des Lebens der Menschen sei und behauptet, daß sich in dieser Beziehung die Menschen nicht von Vögeln und Thieren unterscheiden. Diese Entscheidung gegen den Wortlaut des Schulchan Aruch hat in Deutschland großes Aufsehen erregt, z mal da die Worte des Schulchan Aruch auf den u aßgebendsten Gesetzeslehrern, auf Nabbenu As..,er, Toßaphot und vielen Andern beruhen. Einer meiner Correspondenten fragt nun um meine geringe Meinung. Ich meine, daß hier in letzter Instanz die medicinische Wissenschaft zu entscheiden hat. Nun, Ihr seid Mediciner, Ihr Herren; wie meint Ihr: kann ein Huhn, das, bis das Schlachtmesser seinem Leben ein Ende gemacht hat, anscheinend gesund war, bis dahin ohne Herz gelebt haben?" „„Wie ist Eure Meinung, Signor Salomo?" fragte Don Rüben."" „Ich stimme dem deutschen Rabbinen vollkommen bei. Als ich in Prag dem Studium der Arzneiwissenschaft oblag, habe ich von zuverlässigen Leuten gehört, daß der berühmte Rabbi Löb ben Bezalel, bekannt unter dem Namen „der hohe Rabi Löbin ganz ähnlicher Weise entschieden haben soll. Bei allen höher organisirten Wesen, die ein Herz haben, denn viele Geschöpfe niederer Gattung haben kein Herz, ist das Herz der eigentliche Sitz des Lebens; ihm strömt der Lebenssaft zu, und es gibt diesen als Blut wieder zurück und sendet ihn durch zahlreiche Röhren bis in die entferntesten Theile des Körpers. Steht das Herz still, so hört das Leben auf. Wird das Herz durchbohrt, so erfolgt der Tod augenblicklich. um wie viel mehr, daß das Leben zur Unmöglichkeit wird, wenn gar kein Herz vorhanden sein sollte. Keine Krankheit kann das Herz ganz aufzehren, das Herz kanu anschwellen, theilweise verfaulen, es können fick Gewächse in demselben bilden, Krankheiten, die alle den Tod zur Folge haben; aber gänzlich verschwinden kann das Herz niemals, so lange das Geschöpf lebt."" „Und was sagst Du, mein Bruder?" „„Esther, mein Kind," sprach zu dieser der Oheim, „„zeige, daß Du meine gelehrige Schülerin bist und gib Du statt meiner Antwort."" „Aber, lieber Oheim. „ „Sei nicht schüchtern, Kind! Signor Salomo soll sehen, daß ich zu lehren, zu unterrichten vermag. Sei folgsam, Kind, ich befehle eS Dir!"" „„Wenn Du befiehlst, Oheim, so muß ich gehorchen. Verzeiht, Signor Salomo, wenn ich Eurer Ansicht nicht zustimmen kann, un legt eS mir nicht als Anmaßung aus, wenn ich Euch widerspreche. Es ist ja nicht mein Wi'sen, sondern das meines geliebten Oheims und Lehrers, was ich jetzt darlegen will. Es ist wohl wahr, daß ein höher organisirtes Geschöpf, Mensch, Thier oder Vogel, ohne Herz nicht leben kann; allein ich glaube doch, daß man zwischen Mensch und Thier einerseits und einem zarten Vogel andrerseits unterscheiden muß. Die Naturgeschichte lehrt uns, daß gerade bei der Bildung des Herzens die Kraft und Größe des Thieres andere Gestaltungen bedingt. Man hat beobachtet, daß bei besonders großen Stieren ein starker, glatter Knochen, durch das Herz sich zieht, der die Functionen desselben erleichtert. Etwas Aehnliches hat man bei den Hirschen gefunden."" „Richtig, richtig," unterbrach Rabbi Amram Mordechai seine Tochter, „es ist davon bei unseren Gesetzeslehren die Rede." „„Wenn man das Herz eines Huhnes," fuhr Esther zu reden fort, „mit dem eines mächtigen Stieres vergleicht, so wird die Winzigkeit des erfteren in die Augen fallen. Das Herz ist nichts als eine Muskel, aus mehreren Höhlungen und Röhren bestehend. Kann nicht bei einem zarten Geschöpfe, wie ein Huhn ist, eine andere Muskel, die uns nur wie ein Stückchen Fleisch erscheint und die selbst an einem andern Orte, mehr oben oder mehr unten,, sich befindet, als sonst das Herz seine Stelle zu haben pflegt — kann nicht eine derartige Muskel Monate lang oder noch länger, die Stelle des Herzens vertreten und das Huhn anscheinend gesund dabei sein? Hört aberdeßhalb das Huhn auf, trepha zu sein?"" „„Ich weiß nicht, holde Jungfrau,"" rief Rabbi Salomon, „„was ich mehr bewundern soll, Euer Wissen oder Eueren Geist, Eure Schönheit r Eure Anmuth! Wahrlich, ich erkläre mich rwunden. Was Ihr da eben gesagt, es ist Wahrheit, die volle Wahrheit!"" Mit Stolz und Freude blickten^ der Rabbiner und sein Bruder auf das erröthende Mädchen. Sie hatten keine Vorahnung von den entsetzlichen Leiden, die über sie und die heißgeliebte Tochter und Nichte kommen sollten. (Frts. folgt.) Hierzu drei Beilagen. Verantwortliche Redaclion: l>r, Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. Gottrleben'S Buchdruckcrei (Mainzer Anzeiger).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.