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Der Israelit · 1878-01-09 · Heft 2 (9.1.1878) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 2 (9.1.1878)
Date
1878-01-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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28 der Schaul, den sie Paul nannten, und endlich ich, Rüben, dem man den Namen Rodrigo gab. Im Keller unsres Schlosses hatten wir ein Bethaus; dort wurden wir in der Thora unterwiesen, dort feierten wir den Sabbat und die Feste. Eines Tages wurden wir überfallen und in den Kerker geschleppt. Wer unser Geheimniß verrathen — ich habe es nie erfahren. Meinen jüngsten Bruder, der das zehnte Jahr noch nicht erreicht hatte, brachte man in ein Kloster; meinen Vater spannte man auf die Folter, durch deren furchtbare Qualen er zum Geständnisse des heimlichen Judenthums gebracht wurde; man verurtheilte ihn zum Feuertode; wir, mein Bruder und ich, sollten bei der Hinrichtung zugegen sein und dann in ein Kloster verbracht werden. Da, in einer finstern Nacht^öffnete sich die Thüre unsres Kerkers; ein alter, treuer Diener hatte die Wächter bestochen; er kam, uns zu befreien. Aber mein Vater konnte nicht gehen; auf der Folterbank waren ihm die Beine zerquetscht worden. „Rette meine Kinder, guter Perez," sprach er, „führe sie in ein fernes Land, wo sie Juden sein dürfen, und ich will gerne sterben." — Es blieb nichts Anderes übrig. O. Herr, war das ein Abschied! Wir zerflossen in Thräneu. Aber Perez drängte zur Eile. Er führte uns hierher, nach Salonichi. Mein Vater starb auf dem Scheiterhaufen, den Namen des Allheiligen heiligend." Thränen flössen dem Greise über die Wanken; die Erinnerung hatte ihn tief erschüttert. „„Und was ist aus Eurem jüngsten Bruder geworden?"" fragte nach einer Weile Signor Salomo. ..Er ist im vorigen Jahre als Bischof von Sevilla gestorben. Wir haben uns vergeblich bemüht, ihn zur Flucht aus Spanien und zur Rückkehr zum Judenthume j}u bewegen. Es hatte viele Jahre gedauert, bis wir überhaupt von ihm etwas erfuhren. Endlich vernahmen wir, daß er Bischof von Sevilla geworden. Auf unsre Briefe an ihn erhielten wir keinerlei Antwort. So entschloß ich mich denn, in einer Verkleidung nach Spanien zu reisen, um persönlich den irregeleiteten Bruder für den Glauben der Väter wieder zu gewinnen. Unter tausend Gefahren kam ich nach Sevilla; in der Verkleidung eines Barfüßer-Mönches gelang es mir, meinen Bruder allein zu sprechen. „Schaul!^ rief ich, als wir ohne Zeugen waren. Er sah mich durchdringend an und hing alsobald an meinem Halse. „Mein Bruder," rief er weinend, „Amadeo oder Rodrigo?" Wir weinten Einer am Halse des Andern; er war der zärtlichste Bruder; aber von einer Flucht, von einer Rückkehr zum Judeuthume wollte er nichts wissen. Er war alt geworden in den gewohnten Verhältnissen. „O," rief er ein über das andere Mal. „wärst Du dreißig Jahre früher gekommen, wir gern wäre ich Dir gefolgt! Aber jetzt bin ich ein alter Mann; ich würde sterben, wenn ich meine Lebensweise ändern müßte." — „So stirb, sagte ich, aber stirb als Jude!" — „Ich werde als Jude sterben!" sagte er, und er hat Wort gehalten; er ist mit dem Bekenntnisse unserer heiligen Religion auf den Lippen gestorben. Die Inquisition hat seine Leiche verbrennen lassen." — „„Und wie ist es Ench gelungen, Euch hier im fremden Lande, ohne Freunde, ohne Vermögen, so geachtete Stellungen zu verschaffen?"" „Der alte Perez starb bald nach unserer Ankunft in Salonichi. Nun waren wir zwei Jünglinge, mein Bruder war sechszehn und ich fünfzehn Jahre alt, auf uns allein angewiesen. Durch eisernen Fleiß und nimmer ermüdende Ausdauer gelang es uns. uns dem Studium zu widmen. Ihr wißt,' die israelitische Gemeinde zu Salonichi ist arm; die meisten Juden erwerben ihren Unterhalt als Hafenarbeiter, Packträger, Handwerker. Auch wir arbeiteten im Hafen, bis wir unfern Unterhalt für den Tag verdient hatten; dann studirten wir: mein Bruder den Talmud, ich die medicinischen Wissenschaften. Aber es dauerte lange, bis wir gute Resultate erzielten. Als mein Bruder zum Chacham erwählt wurde und ich genügende Kundschaft erlangt hatte, war unsere Jugend dahin. Ich bl'eb unbeweibt: mein Bruder heirathete eine von den Töchtern der eingewanderten Sephardirm Eine einzige Tochter war die Frucht dieser Ehe. Die Gattin meines Bruders starb bald, und so ist uns Niemand geblieben als unsere Esther, unser Kleinod, unsrer Herzen Wonne. Wahrlich, Ihr könnt Euch glücklich preisen, wenn es Euch gelingt, sie heimzuführen." „„Und Ihr wollt mir ein gütiger Fürsprecher sein, Don Rodrigo?"" „Euer guter Ruf ist Euch vorausgegangen, Signor Salomo; ich würde mich freuen, mit Euch in ein verwandtschaftliches Verhältniß zu treten." (Fortsetzung folgt.) Hierzu fünf Beilagen. Verantwortliche Redaktion: Dr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. EottSleben'L Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).

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