Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1878)
- Date
- 1878-01-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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27 Indien. Calerrtta Der „All. Jsr. Unto." wird geschrieben: Bor 80 Jahren gab es in Calcutta keinen einzigen Israeliten, heute zählt man hier 6 0 iüb. Seelen, welche größtentheilS aus Bagdad stammen. Sie treiben Handel, viele von ihnen haben kaum zu leben. ES kommen viele aus Bagdad hierher, welche sich nur vorübergehend hier aufhalten und die Wohlthätigkett der Gemeinde in Anspruch nehmen. Wir haben zwei Synagogen, beide sehr schön. Sie besitzen 60 Thorarollen, alle mit echtem Silber verziert, welche mehr als 100 Pfd. Sterling werth sind, und über 150 Parocheth von reiner Wolle, ebenfalls sehr werthvoll. Die Ausgaben für Cultus und Wohlthätigkeit betragen Mehr als 2000 Pfd. St. jährlich, ungerechnet die> Privat» wohlthätigkeit. Nie klopfen Arme vergeblich an unsere Thür, man befolgt hier das alte Wort: „Wer Hunger hat, der komme und esse mit uns." Vor sechs Monaten hat man einen Ve^in „Cho / nen Dallim" gegründet, welcher regelma^ zungen hält und viel Gutes thut. Feuilleton. Lsther Wem. Eine historische Erzählung. II. Es ist das Studirzimmer eines Arztes, in das wir den freundlichen Leser führen. Zwei Männer sitzen auf einem Divan, in eifriger Unterhaltung begriffen. „Ihr seid also ursprünglich ein Berufsgenosse, Signor Salomo?" fragt der Aeltere. „„Wohl, DonRodrigo; ich habe in Prag die Arzneikunde studirt und ging dann nach Italien, um meine medicinischen Kenntnisse zu erweitern. In jenem schönen Lande hatte ich das Glück, Achmed Pascha, den türkischen Gesandten zu Venedig, von einem schmerzlichen Zahnübel zu befreien. Er veranlaßte mich, in den türkischen Staatsdienst zu treten; ich folgte ihm nach Constantinopel, wo mich mein Gönner mit der Sultanin Chaseki bekannt machte. Ihr wißt, die Herrscherin ist eine Venetianerin von Geburt; sie fand Gefallen an mir, zumal, da ich der italienischen Sprache mächtig bin. Seitdem werde ich vielfach im Staatsdienst verwendet. Die Sultanin hat mich wiederholt in Geschäften nach Venedig gesandt."" „Und was führt Euch nach Salonichi und z« mir?" „„Ich will offen und wahr gegen Euch sein, DonRodrigo; ich wünsche mich zu vermahlen, und die Töchter der türkischen Glaubensgenossen gefallen mir nicht. Eine Frau aus Deutschland zu holen, ist zu weitläufig; auch weiß ich nicht, ob eine solche, wie ich sie mir wählen würde, mir folgen möchte in das fremde Land. Da hörte ich von Eures Bruders Tochter, Donna Esther Chiera. Man erzählte mir, daß sie schön von Gestalt und schön von Ansehen sein, daß sie durch Euch, ihren Oheim, eine mehr als gewöhnliche Bildung genossen; so entschloß ich mich, hierher zu. reisen, um das Mädchen kennen zu lernen. Ist die Sache voi»Gott so bestimmt, so führe ich sie nach Constantinopel in mein Haus als mein Weib. Euch aber bitte ich, mich in das Haus Eures Bruders einzuführen und von meinen Absichten für's Erste zu schweigen, bis es sich entschieden hat, ob wir. Eure Nichte und ich, uns gegenseitig gefallen."" Mit Wohlgefallen betrachtete Don Rodrigo den schönen, stattlichen Mann. „Ich könnte mir," sagte er, .keinen bessern Mann für meine geliebte Nichte wünschen. Sie ist unsrer Aller Freude, mein und meines Bruders Augapfel, unsre Hoffnung, unser Stolz. In ihren: Glücke hoffen wir bessere Tage zu schauen und uns zu trösten für all' das Unheil, das unsre Familie schon betroffen. Kennt Ihr die düftern Geschick« meines Hauses?" „„Nicht genau; ich weiß nur, daß Ihr und Euer Bruder, der Chacham AmramMordechai, in zarter Jugend aus Spanien eingewandert seid."" „Man hat Euch recht berichtet; allein das, was dieser Einwanderung vorausging, das ist eben das Schreckliche. Meine Familie gehörte zu den vornehmsten und begütertsten in ganz Spanien. Da erschien — es sind jetzt hundert und drei Jahre — jenes fluchwürdige Edict Jsabella's, der Katholischen, welches die Juden aus dem Lande verbannte, das ihnen anderthalb Jahrtausende lang eine Heimath gewesen war. Mein Großvater, Don Michael Chiera, hatte nicht den Muth, alle seine Reichthümer zu verlassen, um im fernen Lande in Armuth und Dunkelheit zu leben. Er nahm zum Scheine das Christenthum an; heimlich aber blieb er dem Judenthum ergeben mit Leib und Leben. In diesem Sinne erzog er seinen einzigen Sohn, Don Gonzales, meinen theuren Vater, sein Andenken sei gesegnet, und so erzog mein Vater uns, meine Brüder und mich. Wir waren unsrer drei, mein ältester Bruder Amadeo, Amram Mordechai ist sein jüdischer Name, mein jüngster Bru-