Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1878)
- Date
- 1878-01-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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26 Türkei. Conftarrtirropel, 23. Dec. Gestern wurde in allen Synagogen eine Zuschrift de- Chacham -Baschi verlesen, nach welcher die Juden verpflichtet sind, in die Bürgergarde einzutreten. Der Chacham Baschi soll nächstens den Titel „Pascha" erhalten. (W. Jsr.) Amerika. Baltimore, den 10. Dez. Gestern Abend fand in dem Saale der „Concordia" das 22te Jahresbankett der isr. „WohUhatigkeitsgesellschaft" statt. Noch Ausbrincung des ersten Toastes verlas der Präsident, Herr Abraham Nachman. den Jahresbericht, wonach die Einnahmen 8(94 Doll-, die Ausgaben 8832 Doll, betrugen. Am Festabende wurden 5 40 Doll, gespendet. Nachdem der Präsident in einer längeren Rede über das Wesen und die Wohlthaten der Gesellschaft gesprochen, hielt Herr Rabbiner Dr. Schneeberger die Festrede, aus der wir nachstehend einen Auszug bringen. Die Festrede zeigt, daß Herr Dr. Schneeberger zu den freilich nur wenigen Rabbinern Amerika's zählt, die die Fahne des Talmuds hoch halten. Sie lautet im Auszug: „Wohlthätigkeit! das heilige Erbe der Kinder Israelis, die Tugend, welche vor jeder anderen allen Unterschied, jede Schranke Zwischen Mensch und Mensch aufhebt und nur anerkennt die eine Menschheit." „Wenn es eine Tugend gibt, die dazu bestimmt ist, einen Menschen zu veredeln, so ist es die Wohlthätigkeit, und wenn es ein Volk gibt, das unter dem schmählichsten Drucke und der grausamsten Verfolgung von der Zauberkraft des Wohl- Ibätigkeits-PrinzipS stets beseelt war; wenn es ein Volk gibt, daS seine Hütten und oft abgeschlossenen Gassen zu einem Garten gestaltete, in welchem die herrlichsten Blüthen des Herzens und Seelenadels, der Liebe und Milde prangten, und welches diese Tugend und Barmherzigkeit und Wohlthätigkeit. von seiner Gotteslehre eingepflanzt, feinen Nachkommen als heiliges Erbe hinterlassen — so ist es das israelitische Volk. Aus seiner heiligen Schrift tönt dieses Gesetz der Nächstenliebe überall dem Forscher entgegen, und in allen seinen speziellen Gesetzen verkörpert sich dieser erhabene Grundsatz; in den Aussprüchen der Propheten, in den Gesängen des Psalmisten, in den Sentenzen der Spruchredver thut sich jder Geist des Wohlthuns kund. Und wie verhält sich der Talmud trotz der schmählichsten Urtheile, die über denselben gefallt worden und dem man den Geist der Ausschließlichkeit und Gehässigkeit gegen Andersgläubige zuschrieb? Lasset ihn reden: „Das heilige Gesetz beginr-t mit Wohlthätigkeit und endigt mit Wohlthätigkeit; es beginnt: Gott machte Adam und Eva Kleider; es schließt mit Wohlthätigkeit: Gott begrub Moses." — Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst; Dies ist der große Grundsatz des Gesetzes." — „Ben Asai sagt, es gibt einen, der noch bedeutungsvoller ist — „dies ist da- Buch der Geschlechtsfolge des Menschen," weil der gemeinschaftliche Ursprung aller Menschen sie bewegen soll, sich als Brüder zu lieben." — „Der Israelit hat eine noch größere Verpflichtung, seinen nichtisraelitischen kränklichen Sklaven zu ernähren, als denjenigen, welcher arbeiten kann." — „Dacharakteristische Zeichen der Nachkommen Abraham's besteht darin, barmherzig zu sein; denn Derjenige, welcher es nicht ist, stammt nicht von diesem Patriarchen." — So ist die Zahl der talmudischen Aussprüche, welche die reinste Nächstenliebe in den mannigfaltigsten Lebensverhältnissen als Richtschnur vorschreiben und die den Geist der echten Humanität athmen, außerordentlich groß. Wollten wir die verschiedenen Aussprüche aller unserer Weisen und die Ausführung ihres WohlthätigkeitSsinnes alle vorführen, es könnte uns leicht ergehen, wie jenen Männern, von denen die Hagada unsere- Ueberschreitungsfestes uns berichtet. Sie begannen am Abende bei'm Anbruche des Festes über die wunderbare Befreiung unserer Väter aus Egypten zu sprechen; der Eine hob Das, der Andere Jenehervor, und dabei schwand ein Stern nach dem anderen vom Himmelszelte, und die Männer merkten es nicht, bis endlich das Morgenroth am Himmel emporstieg und die Jünger die Weisen zum Gebete riefen. Also könnte es uns ergehen. WaS der Geist des JudenthumS über Menschenliebe, über Wohlihun hat gesprochen, davon könnte man reden, bis die Sterne sinken und der Morgen anbricht, und nicht würde man den Gegenstand genügend erschöpfen. Fürchten Sie nicht, meine verehrten Zuhörer, wir werden Ihre Geduld nicht so lange in Anspruch nehmen. Schon der hebräische Sprachgebrauch, der für t as Wort Almosen keinen anderen Ausdruck, als jenen für das Wort Gerechtigkeit hat — Zedokah — deutet uns an, daß der Arme gleichsam von Rechtswegen auf da- Almosen Anspruch hat, daß er im Sinne dejüdischen Moralgesetzes nicht erst darum zu bitten, vielmehr es zu fordern hat." Diese Rede wurde mit großem Beifalle ausgenommen. Möge der junge Rabbiner stets und immer zur Verherrlichung unserer heiligen Religion wirken.