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Der Israelit · 1878-01-02 · Heft 1 (2.1.1878) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 1 (2.1.1878)
Date
1878-01-02
Page
– (sequence 12)
Language
German
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12 daß er erwartet werde. Er trat in sein Zimmer, bei dem herrschenden Zwielicht erkannte er den ihn Erwartenden nicht sogleich. Doch dieser sprang auf und eilte ihm entgegen. „Ergebenster Diener, Herr von Grün! freut mich von ganzem Herzen, Sie wohlauf zu sehen." ES war ein kleines, hageres Männchen in gelblich-grauem Sommeranzug von Segeltuch, den fchwarz-weiß gesprenkelten Strohhut in der Hand. In dem faltigem, mit dichten grauen Bartstoppeln bedecktem Gesicht lag ein Ansdruck von Schlauheit gepaart mit Gutmüthigkeit, welche beide vereint auch sein ganzes Wesen charakterisirten. Grün hatte ihn erkannt noch bevor er die Gasflamme entzündet. „Guten Abend, Herr Winter," sprach er mit der Hand einladend auf einen Sessel deutend, „bitte, behalten Sie P atz." „Bin schon so frei, Herr von Grün" entgegnete der Kleine, sich wieder auf seinen Sessel niederlassend. „War das heute eine schauderhafte Hitze, achtundzwanzig Grad im Schalten — in andern Häusern ist es noch nicht zum Aushalten, aber hier bei Ihnen ist's immer frisch, immer angenehm. Fräulein Tochter versteht's, Ordnung zu halten und dem lieben Vater das Leben angenehm zu machen, und dabei schaut das liebe Fräulein immer aus wie die Rosen nur am frühen Morgen." „Sie werden ja ganz poetisch, Herr'Winter," erwiderte Grün lächelnd, indem er sich seinem Besuche gegenüber setzte. „Wahrheit, nichts als Wahrheit, Herr von Grün. Sie Tennen mich doch, ich red immer nur die lautere Wahrheit." „Die schätze ich auch am meisten. Ist's Ihnen vielleicht gefällig?" er schob ihm ein Cigarrenkistchen zu und griff nach seiner Pfeife. „Danke ergebenst, bin schon jo frei" erwiederte Winter, indem er eine Cigarre nahm, sorgsam die Spitze abschnitt und sie an der Gasflamme entzündete. „Ausgezeichnete Cigaxre das, echte Hawannah" sagte er, indem er sich zurücklehnte und die Rauchwolken behaglich in die Höhe blies. „Sie sind kein großer Kenner, Herr Winter, bis zur Havannah versteige ich mich nicht, ich bleibe bescheiden beim inländischen Fabrikat." „Was Sie sagen, Herr von Grün! das hätt' ich nicht gedacht, auf Ehre. Aber gut ist das Blatt, das muß man ihm lassen, ob' es nun ist gewachsen in der Hawannah oder hier. Ich bin ein starker Raucher, wissen Sie, und am liebsten mach' ich meine Geschäfte mit der Cigarre im Munde. „Da plaudert sich's auch am behaglichsten,„ j erwiederte Grün, der die Art der Geschäfte de- I kleinen Mannes wohl kannte.! „A propos von Geschäften, Herr von Grün,! Sie haben mich ja noch gar nicht gefragt, warum! ich Sie belästige." „Sie belästigen mich nicht, Herr Winter, im! Gegentheil, Ihr Besuch ist «ir ganz angenehm." „Freut mich außerordentlich, wirklich ganz außerordentlich." Der kleine Mann stand auf und machte eine tiefe, regelrechte Verbeugung, dann setzte er sich wieder, blies einige Dampfringelchen in die Luft und fuhr zu reden fort: „Aber, um die Wahrheit zu reden. Herr von Grün, auf Besuch bin ich heute nicht zu Ihnen gekommen. Auf Besuch kommt man Schabbos oder Jontow, wenn man weiß, daß man nicht lästig wird. Aber, wenn Unsereiner mitten in der Woche kommt, da weiß ein jeder — und mir scheint Sie wiffen's auch," fügte er schmunzelnd hinzu, „daß es sich um was Anders handelt. Also kurz und gut, Herr von Grün, ich möcht' Ihnen einen Schidduch antragen für Ihren Herrn Sohn, für den Herrn Carl." „Für meinen Sohn? nun lassen Sie hören." «Ein junges, feines, braves Fräulein, und fromm sag ich Ihnen — Herr von Grün — j fromm. " j Während Andere häufig die Rechte betheuernd! auf's Herz legen, hatte Herr Winter die Gewohnheit, zur Bekräftigung seiner Worte die linke Hand mit einer Art Emphase auf die linke Wange zu drücken, welche Bewegung seiner kleinen Figur zuweilen einen etwas komischen Anstrich verlieh. „Wie heißt denn die junge Dame?" fragte Grün. „Wie sie heißt?" wiederholte Winter, „Fräulein Emma mir scheint. Fräulein Emma Weigert." „Weigert? die Tochter von dem Baquier Weigert?" „Ganz recht, die Tochter von eben dem. — Aber Herr von Grün, was machen Sie für'n Ponim? — was gefällt Ihnen an dem Schidduch nicht?" Grün zuckte die Achseln. „Weigert hat sein Comptoir zwar am Sahbat geschlossen, und habe ich auch nie etwas Unrechtes von ihm gesehen; trotzdem glaube ich nicht, daß es ihm mit seiner Religiösität ganz ernst ist." „Aber Herr von Grün, seien Sie mir's tausendmal mochel, soll denn der Herr Carl den Vater heirathen oder die Tochter?" „Es handelt sich hier allerdings nur um die Tochter, aber es ist doch nicht wohl anzunehmen,

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