Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1878)
- Date
- 1878-01-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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8 tanS) ihre Herrschaft fortzusetzen hoffte. Sie war eine geborne Venetianerin, aus dem edlen Hause Baffö. Ihr Vater war Gouverneur von Corfu gewesen, das damals unter der Botmäßigkeit der Republik Venedig stand. Als sie, noch fast ein Kind, zu ihrem Vater von Venedig nach Corfu reisen wollte, wurde das Schiff von Korsaren gekapert und das junge Mädchen in den Harem des Sultans Selim abgeliefert. Dieser bestimmte sie für seinen Sohn, den damaligen Kronprinzen Murad, auf den sie einen solchen Einfluß erlangte, daß sie die thatsächliche Beherrscherin des großen Reiches wurde und blieb, wiewohl später viele andere Frauen das Herz des Sultans Murad mit ihr theilten. Nun war Murad gestorben, und die Sultanin Chaseki war Sultanin Valide geworden. Wie sie Murad beherrscht hatte, so gedachte sie Mohammed zu beherrschen. Der neue Sultan fuhr mit seiner Mutter nach dem Serail, bestieg den Thron seiner Väter, und nun erschienen die Großen des Reichs, der Großwesir und der Mufti, die Wesire und KadiaSkere (Oberrichter), die Aga (Führer) der Truppen und des Hofstaates, die Vorgesetzen der Staatsboten und Kämmerer, die Obererfteu der Truchsesse, der Furiere, der Wasserträger und Zeltaufschlager, um huldigend die Hand, den Aermel des neuen Herrschers oder den Staub vor dem Throne zu küssen. Darauf wurde die Leiche Murads in die Moschee Selims verbracht und dort an der Seite seines Vaters bestattet. Zur selben Zeit wurden von den zwanzig nachgelassenen Söhnen des verstorbenen Sultans, in Folge des grausamen Reichsgesetzes des Brudermordes, neunzehn erdrosselt. Damit die Gräuel des Todeskampfes, die Flüche, welche die unglücklichen Schlachtopfer wider den Brudermörder und seine Henker ausstoßen würden, Staatsgeheimnisse bleiben wüten, wurde die Hinrichtung Stummen übertragen. Der hoffnungsvollste dieser neunzehn Prinzen war Mustafa, welcher bei der Nachricht von des Vaters Tode das Vorgefühl des seinigen in elegischen Versen aushauchte. Die Leichen der Unglücklichen wurden vierundzwanzig Stunden nach des Vaters Bestattung neben ihm beigesetzt. Der neue Sultan entließ die meisten Beamten seines Vaters; Sinan Pascha, der bisherige Großwesir, wurde abgesetzt und in die Verbannung geschickt; seinem Gegner und Nebenbuhler Ferhad Pascha wurde das Siegel des Sultans anvertraut. Die Sipahi waren nicht zufrieden mit der Höhe der Thronbesteigungs-Zulage, die ihnen geworden. Als Ferhad Pascha aus dem Diwan des Serail nach Hause ritt, standen tausend Sipahi am Bade der Chaseki und begehrten vom Großwesir Sold und Zulage. „Geht an die Grenze", antwortete ihnen der Großwesir, „dort werdet ihr bezahlt." Die Sipahi erhoben ein furchtbares Geschrei. „Wißt Ihr nicht", sagte darauf Ferhad Pascha, „daß Diejenigen, welche ihren Vorgesetzten nicht gehorchen, Ungläubige sind?" Die Erbitterung der Sipahi kannte keine Grenzen. Sie gingen zum Mufti und verlangten ein „Fetwa" (religiöses Urtheil) gegen den Großwesir. Als der Mufti sie beschwichtigen wollte, verhöhnten sie ihn. Am folgenden Tage wurden achtundvierzig Millionen Aspern in Gold und Silber aus dem Schatze gefördert zur Bezahlung des Soldes und der Zulagen der Sipahi; aber diese weigerten sich, das Gold anzunehmen; sie begehrten den Kopf Ferhads, welcher sie Ungläubige gescholten. Der Aufstand der Sipahi drohten zu einer furchtbaren Revolution anzuwachsen; es fehlte nur noch ein Leiter der Bewegung. Dieser fand sich in Abdallah, dem Sohne eines zum Islam übergetretenen Juden, welcher den wahnsinnigeu Einfall hatte, sich für Mustafa, den gemordeten Bruder des Sultans auszugeben. Er sei, erzählte er, dem Mordschwerte der Stummen entronnen und wolle nun Rache nehmen an dem Brudermörder. Mit Jubel wurde er von den Sipahi empfangen, emporgehoben und zum Sultan ausgerufen. Da führte Ferhad die Janitscharen gegen die Sipahi; es kam zu einer mörderischen' Schlacht in den Straßen von Cvnstantinopel; die Sipahi wurden zurückgetrieben, zerstreut, der angebliche Prinz Mustavha wurde ergriffen und arg nächsten Baume aufhängt. Als der Sultan erfuhr, daß Abdallah, der es gewagt, ihm nach Krone und Leben zu trachten, der Sohn eines Juden gewesen, befahl er, sämmtliche Juden aus Constantinopel auszuweisen. Ueber eine zahlreiche und blühende Gemeinde war plötzlich unsägliches Elend hereingebrochen. Daß man es an Anstrengungen nicht fehlen ließ, um den grausamen und ungerechten Befehl rückgängig zu machen, braucht nicht erst gesagt zu werden;zallein der Sultan sowohl als der Großwesir blieben unversöhnlich. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaktion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben's Buchdruckerei in Mainz (Mainzer Anzeiger).