Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 18 (1877)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1877)
- Date
- 1877-12-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1210 schob sie demonstrativ ihren Seffel vom Tisch zurück und saß nun seitwärts mit Hochrothen Wangen, ihr Glas Zuckerwasser in der Hand. Es war wirklich — ich möchte fast sagen, ein Scandal. Aber ihren Zweck hat sie erreicht. Ich sah, wie der junge Ster», der an einem andern Tisch neben Grün saß, diesen anstieß und ihm etwas zuflüsterte, indem er auf Emma deutete." „Und Grün?" fragte Frau Weigert. Caroline zuckte die Achseln. „Gesehen hat er, daß Emma keine Milch vor stch hatte, das steht fest." „Und hat sich Emma schon häufig mtt ihm unterhalten?" „Das ist mehr, Mama, als ich Dir sagen kann." „Aber Du hast mir noch immer nicht gesagt, warum Emma nicht zu Meters gehen will; Du sagtest, damit habe es seine eigene Bewandtniß." „Ja, ja ganz recht, das hat es auch. Es sollen ja lebende Bilder dargestellt werden, und Meters, tolerant wie sie sind, haben auch die Wahl der Bilder dem Maler Wolter» der das ganz Arrangement leitet, überlassen. Und da dieser nun einige specifisch christliche in Vorschlag gebracht, so hatte auch dagegen Niemand etwas einzuwenden , bis auf unsere fromme Emma. Es sollte nämlich die heilige Familie auf der Flucht nach Egypten dargestellt werden. Es ist das ein Gemälde von einem sehr berühmten Meister, den Namen habe ich vergessen. Frau Meier sprach davon, wie wunderbar schön Emma sich als Maria machen würde, und auch Wolter fand, daß der ganze Typus ihres Gesichtes, dieseschmachtende, dieser himmelnde Aufschlag ihres Auges vollkommen dazu Passe. Aber »ein, um AlleS in der Welt würde sie das nicht thun." „Darin kann ich Emma nicht so ganz Unrecht geben," bemerkte Frau Weigert. „Ach waS," lachte Caroline, „wenn nur der Grün den heiligen Josef dargestellt hätte, so hätte sie schon gern mitgewirkt. Aber daS war'S. Grün wird wohl nie ein Mädchen nehmen, das als Madonna bewundert worden ist. Das hat Emma gefürchtet, und gerade darum gäbe ich viel darum, wenn ich sie dazu bringen könnte." „Wie Kind, verstehe ich Dich recht? Du möchtest dazu beitragen, die Pläne Deiner Schwester, die Du doch so herzlich liebst, zu durchkreuzen?" „Aufrichtig gestanden, ja, Mama, und zwar gerade, «eil ich Emma so innig liebe. Aber seit sie sich in den Mucker vergafft hat, ist sie uur noch halb meine Schwester, und wenn es ihr nun noch gar gelingen würde, ihn zu heirathen, so wär'S ganz aus zwischen uns." „Pfui, Caroline, wer wird ein solches Wort über die Lippen bringen? Ich weiß auch in der That nicht, was Du gegen den Grün hast. Hast Du nicht gehört, wie sehr Papa ihn schätzt?" „Freilich habe ich's gehört und mich sehr darüber geärgert, denn ich kann diese Frommen nun einmal nicht aus stehen. Aber sind denn diese Grüns wirklich so reich?" „Diese GrünS nicht, der Vater hat zwar einen sehr guten Namen und vermuthlich auch gerade kein schlechtes Geschäft, aber für reich galt er nie. Doch sein ältester Sohn, eben dieser Carl Grün, er hat erst vor drei oder vier Jahren ein Geschäft etablirt, dieser Mensch soll ein fabelhaftes Glück haben, das Geld soll ihm nur so Zuströmen." „Das ist etwas Anderes," entgegnete Caroline, „dann werde ich mich mit b:x Idee, ihn als Schwager zu begrüßen, wohl befreunden müffen." „Wir wollen es hoffen," erwiederte Frau Weigert nachdenkend, „und zwar wird es wohl am besten sein, wenn Papa einem Schadchen die Vermittlung überträgt." „Einem Schadchen? Mama, was ist denn das?" „Ja so, das ist für Dich ein fremdes Wort," sagle^rau Weigert lächelnd, „Schadchen ist ein HeirathSvermittler. Merkwürdig, wie diese jüdischen Ausdrücke allmählich aus dem Sprachgebrauch verschwinden, daß die Jugend sie nicht einmal mehr versteht. Das ist doch eine Folge der Aufklärung und des Fortschrittes." „Und der Bildung," fiel Caroline ein. „Mama, wenn wir so fortschreiten, in zehn Jahren wird die Welt das ganze Judenthum mit Allem, was drum nnd dran hangt, vergessen haben." „Das möchte ich doch bezweifeln, so lange es Menschen gibt, wie diese Grüns." „Das ist wahr." rief Caroline unmuthig, „daS sind die Kletten, die sich den Aufgeklärten an die Fersen hängen — aber freilich, wenn sie solch enormes Glück haben —" „DaS ist die Hauptsache, Kind, darauf kommt AlleS an, das ist der uervns reram." (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Nedaetion: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. I. GottSleben'S Duchdruckerei in Mainz lMainzer Anzeiger).