Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1877-12-19 · Heft 51 (19.12.1877) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
18 (1877)
Issue
Heft 51 (19.12.1877)
Date
1877-12-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2447695-2447745--14407-2470315
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1209 Laß sie in Gesellschaften oft die meisten Speisen an sich vorübergehen läßt. Wenn sie nun vielleicht auch einmal ein Schinkenbrödchen, ein wenig Caviar oder sonst dergleichen genossen haben wird, wer wird das so genau beachtet haben? Thatsache ist es, daß sie sich in Gesellschaften sehr vieler Speisen enthalten hat. Und übrigens muß ich Dir sagen, alles, was der Mensch aus eigenem Antrieb thüt, ist nie so auffallend, wie das was er auf Befehl eines Andern thut; ich hasse alles Gezwungene." „Mir aus der Seele gesprochen, liebes Frauchen," entgegnete Herr Weigert, indem er sich neigte, und mit seinen Lippen die Stirn seiner Frau berührte. „Also Linchen, Dank dem weisen Rathe Deiner lieben Mama, nehme ich meine Aufforderung von vorhin zurück. Adieu Kinder, ä revoir. Er grüßte freundlich lächelnd und verließ das Zimmer. Caroline schlang die Arme um den Hals der Mutter. „Dank Dir, liebes Mamachen! recht von Herzen danke ich Dir," rief sie fröhlich, „das wäre wirklich entsetzlich gewesen, wenn ich nicht zu Meiers hätte gehen sollen." „Das hat Papa ja nie von Dir verlangt." „Na, oder nicht dort essen sollen, das ist im Grunde einerlei, denn nie im Leben hätte ich's über mich vermocht, Meiers zu sagen: ich esse nicht bei euch. Aber es ärgert mich doch* daß Emma nicht hivgehen will; sie hättesehr wohl alle Speisen, die ihr nicht Zusagen, an sich vorübergehen lassen können." „Das ist wahr," stimmte Frau Weigert bei, „aber warum will sie das denn nicht?" „Ach, darin hat es seine ganz eigene Bewandtniß. Du kannst Dir gar nicht denken, wie Emma in den Grün, den Mucker — ich sehe ihn noch immer vor mir wie er pudelnaß in seiner eleganten Sabbat-Toilette hier vorübergerannt ist," fügte sie herzlich lachend hinzu. „Schon wieder spotten! Linchen." Die Mutter drohte lächelnd mit dem Finger „Ach, das heißt ja nicht spotten, und außerdem hört es ja auch Niemand als meine liebe, weise Mama." „Ja, aber, die will es auch nicht hören. Doch was wolltest Du mir über Emma sagen?" „Nein, wirklich Mama, Du würdest es kaum glauben, was die Alles thut, um dem Grün zu gefallen. Durch Zufall bin ich dahinter gekommen, daß sie die alte Mimmele Bele, Du kennst sie doch, die Tante von unserer Köchin, schon öfters besucht hat." „Emma, die Mimmele Bele? und — zu welchem Zweck?" „Nun, das liegt doch aus der Hand; ich wenigstens habe eS gleich herausgebracht. Die Mimmele Bele gehört ja auch zu den Muckern, die ließe sich auch lieber ihr schwaches Hirn durch die Sonnengluth versengen oder ihre fadenscheinigen Sabbatkleider durch den ärgsten Platzregen einweichen, als daß sie arn^ Sabbat einen Schirm trägt und ich glaube, lieber würde sie verhungern, als' am Sabbat einen Kreuzer für eine Semmel ausgeben. Nun, das ist jetzt Emmas liebste Gesellschaft. Zu der Mimmele Bele geht sie und läßt sich allerhand sagen, auf was solche Leute, Wie die Grün's, wohl Gewicht legen könnten. Und das dumme, alte Weib glaubt es ihr auf's Wort, daß sie nur zu ihr komme, weil sie den Drang in sich fühle, streng religiös zu leben und geht zu allen ihren Bekannten, und das sind ja auch nur Fromme, folglich auch Grüns Bekannte und erzählt von Emma und von ihrem Streben, streng nach den Vorschriften der jüdischen Religion zu leben und preiset sie und hebt sie in den siebenten Himmel. Ach, es ist kostbar, Mama, zu kostbar, sage ich Dir. Es geht doch nichts über die fromme Einfalt." Frau Weigert schlug staunend die Hände zusammen: Nein, Kind, das hätte ich nimmer für möglich gehalten, wenn mir das ein Anderer erzählt hätte, ich hätte es in Wirklichkeit nicht geglaubt. Die Liebe, ja, ja die Liebe — was die schon für Unheil angerichtet hat. — Ein Glück ist es nur, daß Emmas Neigung auf einen so würdigen, jungen Mann gefallen ist. So können wir doch Allem, was sie unternimmt, um ihn zu gewinnen, nur besten Erfolg wünschen. Aber, wenn der Grün nun, Gott behüte, ein armer Teufel wäre — was hätte das für Scenen gegeben. Doch nach allem, was Du mir da sagst, ist es in der That nicht zu bezweifeln, daß es ihr gelingen wird." „Meinst Du?" sagte Caroline, „und ich könnte Dir noch viel mehr davon erzählen. Vorigen Sonntag waren wir mit Meier's und Kohn's und Adler's auf der Alm im Schweizerhäuschen; es war oben sehr voll, und Emma hatte vermuthlich noch früher als ich den jungen Grün mit einigen seiner Bekannten dort bemerkt. Wir ließen uns Alle Milch geben; die ist ja nirgends so deliciös, wie im Schweizerhäuschen. Nur Emma, die doch sonst die Milch so leidenschaftlich liebt, erklärte, keine genießen zu wollen und verlangte ein Glas Zuckerwasser. Und als wir die Milch köstlich fanden und ihr zureden wollten, nur davon zu kosten, und Ottilie Adler in freundschaftlicher Zudringlichkeit ein Glas Milch vor sie stellte, da

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.